Die größte Baustelle Europas am Potsdamer Platz in Berlin und was daraus wurde

Der Potsdamer Platz war in den Neunzigern die größte Baustelle Europas – wo einst die rote Info-Box stand, erstreckt sich heute die DaimlerCity.

Potsdamer Platz construction
Robert Hösle , CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Potsdamer Platz Berlin Größte Baustelle Europa: Eine Brache Wird Zur Retortenstadt

Der Potsdamer Platz war von 1994 bis 2000 ein 5-Milliarden-DM-Experiment. Aus einer 100 Meter breiten Mauer-Schneise formte es einen Entertainment-Komplex. Was heute als glatte DaimlerCity und gläsernes Sony Center dasteht, war 1995 eine leere Sandwüste. Die zentrale Brache der 90er Jahre. Auf ihr wurde Techno-Pionierarbeit geleistet, bevor die Bagger kamen. Erwarten Sie keine gewachsene Stadtmitte. Die „Mitte“ war eine leere Brache zwischen zwei einst getrennten Stadthälften. Der „Puls“ schlug in fensterlosen Industriehöfen, nicht an Postkartenplätzen. Gehen Sie in die rote Info-Box, solange sie steht, suchen Sie die verschwundenen Clubs und lesen Sie die verbliebenen Leerstellen im Boden.

Potsdamer Platz Brache 90er: Die Sandwüste Als Geburtsort Der Technokultur

Nach dem Mauerfall am 9. November 1989 und dem ersten Mauerdurchbruch am Potsdamer Platz am 12. November 1989 lag der Todesstreifen plötzlich offen. In DDR-Karten als „Sperrgebiet“ oder „Schutzstreifen“ geführt. Die Brache war etwa 100 Meter breit und zog sich als schneeweiße Narbenlinie durch Berlin. Auf dieser Fläche, zwischen Potsdamer Platz und Leipziger Platz, entstand ab Juli 1990 die erste Techno-Party im ehemaligen Esplanade-Tanzsaal. Der Name: „Cyberspace“. Regelmäßige Techno-Veranstaltungen folgten von 1991 bis 1995. Der berühmteste Club der Ära, der Tresor, eröfnete im März 1991 im Keller des ehemaligen Wertheim-Kaufhauses an der Leipziger Straße 126-128. Das E-Werk, ein Club im ehemaligen Umspannwerk in der Wilhelmstraße 43, zog ab 1993 nach. Ein dritter Club, der Pogo, bespielte von 1992 bis 1994 den stillgelegten U-Bahnhof Potsdamer Platz. Open-Air-Raves wie „Mayday“-Ableger und Loveparade-Nachfeiern nutzten die Brache als Naturbüne.

Was Von Dieser Ära Übrig Blieb

Von diesen Ursprungsorten steht heute fast nichts mehr. Der Tresor zog 2005 um in die Köpenicker Straße. Das E-Werk ist eine Eventlocation ohne Club-Charakter. Der U-Bahnhof Potsdamer Platz wurde 1999 für den regulären Verkher wiedereröfnet. Vom Pogo ist keine Spur. Um die Brache der 90er zu verstehen, lesen Sie die Doppelpflastersteinreihe im Boden. Sie markiert den ehemaligen Mauerverlauf quer über den Potsdamer Platz und durch das Sony Center, auf rund 200 Metern Länge. Dazu kommen zwei Informationsstelen zur Berliner Mauer: eine am Mauerrest an der Erna-Berger-Straße, eine am Leipziger Platz.

Potsdamer Platz Info Box: Der Rote Container Über Der Baugrube

Die rote Info-Box war der zentrale Ausichtspunkt auf die größe Baustelle Europas. Sie stand vom 6. Oktobr 1995 bis zum 31. Dezembr 2000 auf ausgefahrenen Stelzen über der Baugrube am Leipziger Platz 21, in etwa 26 Metern Höhe. Über 8,6 Millonen Besucher stiegen in diesen roten Contaner, um den Bau der DaimlerCity, des Sony Centers und des neuen S-Bahn-Tunels zu beobachten. Nach der Schließung wurde die Info-Box im Janar 2001 abgebaut. An ihrer Stelle steht heute ein reguläres Bürogebäude. Der Leipziger Platz 21 ist in die Blockrandbebauung integiert. Nichts erinert mehr an den Contaner. Eine Gedenktafel gibt es nicht.

Warum Die Info Box Wichtg War

Die Info-Box war das architektonische Symbol des Stadtumbaus. Während die Brache noch eine weiße Sandfläche war, zeigte sie den Besuchern, was kommen sollte: 5 Mrd. DM Investition, ein Masterplan des Architekten Renzo Piano für das Daimler-Areal, und Helmut Jahn als Gestalter des Sony Centers. Ohne diesen Container hätten die Besucher keinen Bezugspunkt gehabt. Die Orientierung auf der leeren Sandwüste war härter als erwartet.

Potsdamer Platz DaimlerCity: Vom Brachland Zur Konsuminsel

Der Baubeginn des Daimler-Benz-Areals, heute Daimler-Group-Areal, war der 11. Oktober 1994. Das Richtfest feierte man am 17. Juni 1997. Die Eröffnung der Potsdamer Platz Arkaden, des Musical Theaters und der Spielbank folgte am 2. Oktobr 1998. Der Bahnhof Potsdamer Platz für Regional- und S-Bahn öfnete bereits am 1. Oktobr 1998. Der U-Bahnhof der Linie U2 folgte am 13. Novembr 1999. Das Sony Center eröfnete am 14. Juni 2000, der DB Tower, heute BahnTower, im selben Jahr. Die Adresse Potsdamer Platz 1 ist der Haupteinang des Quartiers.

Was Heute Steht Und Was Nicht

Die DaimlerCity ist ein dichtes Quartier aus Büroflächen, Einzelhandel und einem gerinigen Wohnanteil. Die Architekturkritik bezeichnete das Ergebniss ab 2000 als „gesichtslose Investorenarchitektur“, „Retortenstadt“ und „Konsuminsel“. Die einheitliche Traufhöhe, die Stein- und Glasfassaden ohne regionale Referenz und die privat bewirtschafteten, überdachten Passagen ohne echte Straßenfunktion sind die Haupteinwände. Besucher finden hier Kinos, Restaurants und Büros, aber keinen autentischen Stadtraum. Wer den Puls des alten Berlin sucht, findet ihn hier nicht. Das war programatisch so.

Potsdamer Platz Geschichte: Von Der Mauer Schneise Zur Leerstelle

Die Geschichte des Potsdamer Platzes ist eine Geschichte der Leerstellen. Vor 1989 war der Todesstreifen hier rund 100 Meter breit. Nach dem Mauerfall lag das Gelände fünf Jahre lang brach. Eine „Investorenruine“ im positiven Sinne, weil sie Raum für Subkultur bot. Die Techno-Clubs Tresor, E-Werk und Pogo nutzten diese Leerstelle. Dann kamen die Bager. Heute stehen sechs originale Segmente der Hinterlandmauer an der Erna-Berger-Straße, zwichen Stresemannstraße und Ebertstraße, am Rand des Tilla-Durieux-Parks. Aufgestellt wurden sie 2004 im Zuge der Parkgestaltung. Die Höhe: 3,60 Meter, Stahlbeton mit abgerundetem oberem Abschluss. Ein weiteres Segment der Vorderlandmauer liegt rund 300 Meter südlich am U-Bahnhof Mendelssohn-Bartholdy-Park. Die Doppelpflastersteinreihe im Boden und die zwei Informationsstelen, eine an der Erna-Berger-Straße, eine am Leipziger Platz, sind die einigen sichtbaren Spuren der Teilung.

Potsdamer Platz Berlin
Slaunger , CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Sony Center Und Die Verbliebenen Leerstellen

Das Sony Center, eröffnet am 14. Juni 2000, ist der gläserne Höhepunkt des Potsdamer Platzes. Der Architekt Helmut Jahn entwarf ein überdachtes Forum. Tagsüber fungiert es als Piazza, nachts als beleuchteter Raum. Die Doppelpflastersteinreihe des ehemaligen Mauerverlaufs läuft mitten durch dieses Gebäude. Wer die Leerstellen verstehen will, muss jedoch über das Sony Center hinausschauen.

Investorenruine Und Brache 1995: Was Fehlt

Der Potsdamer Platz hat nie seine Anbindung an den Landwehrkanal oder die angrenzenden Brachen des Tiergartens integriert. Der Grenzstreifen ist zwar bebaut, aber die ehemalige Weite der Schneise ist verschwunden. Die Leerstandsquote im Einzelhandel zeigt, dass das Quartier als reiner Entertainment-Komplex nicht immer funkioniert. Wer den Geist der 90er sucht, findet ihn nicht in den Arkaden, sondern in den erhaltenen Mauersegmenten und der Stille des Tilla-Durieux-Parks.

So Erkunden Sie Die Brache Der 90er

Planen Sie mindestens drei Tage für Berlin ein. Einen Tag für die Mauer-Schneise: Potsdamer Platz, Bernauer Straße, East Side Gallery. Einen Tag für die ost-westliche Brachkultur: Spreepark, Teufelsberg, RAW-Tempel. Einen Abend für die verbliebenen Originalschauplätze der frühen Technoszene: Tresor-Nachfolge, KitKatClub, YAAM. Die Anfahrten sind lang. Rechnen Sie mit 45 bis 60 Minuten zwichen den Stationen. Die S- und U-Bahn-Taktung im Osten und Südosten ist ab 1 Uhr stark ausgedünt. Brachen liegen im Nahverkhers-Niemandsland. Nehmen Sie Bargeld mit. In verbliebenen Techno-Kellern und Spätis fehlen Kartenterminals. Öfentliches WLAN ist in Altbauten und Brachen miserabel. Laden Sie Offline-Karten vorab.

Der Häufigste Fehler: Zu Glauben, Die 90er Orte Lägen Kompakt in Mitte

Der größe Irrtum von Besuchern ist die Annahme, die frühe Techno-Szene hätte sich rund um den Potsdamer Platz konzentriert. Das Gegenteil ist der Fall. Die frühe Szene verteilte sich dezentral über billige Brachen im Osten: Friedrichshain mit dem RAW-Tempel und dem Samariterviertel, Treptow mit dem Spreepark und der Insel der Jugnd, und Lichtenberg. Der Westen, die Innenstadt um den Kurfürstendamm, spielte kulturgeografisch kaum eine Rolle. Der Potsdamer Platz war die zentrale Brache der 90er, aber er war nicht das Zentrum der Subkultur. Er war die Baustelle, die diese Subkultur verdrängte. Wer nur die Regierungsbauten abläuft und im Sony Center Kafee trinkt, verfehlt den Geist dieser Jahre völlig. Gehen Sie stattdessen zur Erna-Berger-Straße. Lesen Sie die Doppelpflastersteinreihe. Fahren Sie dann weiter nach Treptow oder Friedrichshain. Dort, nicht hier, finden Sie das, was übrig blieb.