1316 Meter Mauer an der East Side Gallery in Berlin, die zweimal übermalt werden musste

Die East Side Gallery an der Mühlenstraße ist das längste erhaltene Mauerstück Berlins – doch die bemalten 1316 Meter wurden zweimal übermalt und sind heute ein umstrittenes Denkmal.

East Side Gallery paintings
Singlespeedfahrer , CC0 via Wikimedia Commons

1316 Meter Mauer an Der East Side Gallery in Berlin, Die Zweimal Übermalt Werden Musste

Auf 1316 Metern Länge und 3,60 Metern Höhe zeigt die East Side Gallery Berlin ein Bild des geteilten Berlins, das kaum noch original ist. Die Hinterlandmauer zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke in der Mühlenstraße wurde 1990 von 118 Künstlern erstmals bemalt. Seitdem haben zwei großflächige Sanierungen die ursprünglichen Motive ersetzt. Wer heute vor der Farbfläche steht, sieht eine Rekonstruktion aus den Jahren 2009 und 2013. Keine Originalsubstanz mehr.

Nehmen Sie die S-Bahn bis Warschauer Straße oder Ostbahnhof. Die Galerie ist frei zugänglich, ohne Schließzeiten. Kommen Sie werktags bei Sonnenaufgang. Dann haben Sie die Mauer fast für sich allein. Im Januar und Februar, wenn klirrende Kälte über das Spreeufer zieht, fehlen die Menschenmassen, die sonst jedes Foto ruinieren.

East Side Gallery Geschichte: Von Der Erstbemalung 1990 Bis Zum Denkmalschutz

Der Verein Künstlerinitiative East Side Gallery e. V. organisierte die Erstbemalung zwischen dem 28. September und Oktober 1990. 118 Künstler aus aller Welt bemalten die gesamte Fläche von rund 4800 m². Die Gesamtanlage steht seit November 1991 unter Denkmalschutz. Was wie eine spontane Aktion wirkt, war eine organisierte Aneignung des Grenzstreifens am Spreeufer.

Mühlenstraße Mauer Bemalt: Zustand Vor Ort Und Kontraste

Der Spaziergang Vom Ostbahnhof Zur Oberbaumbrücke

Die Mühlenstraße Mauer bemalt sich heute als stark überformtes Denkmal. Gehen Sie vom Ostbahnhof entlang der Mauer bis zur Oberbaumbrücke. Die Backstein-Neogotik der Brücke bildet einen scharfen Kontrast zur bemalten Betonwand. Zwischen den Mauersegmenten klaffen Lücken: Sechs Segmente, rund 42 Meter, wurden im März 2013 für das Bauprojekt „Living Levels“ des Investors Maerz-Immobiliengruppe entfernt. Dagegen demonstrierten am 1. März 2013 rund 6000 Menschen. Eine provisorische Stahlkonstruktion füllt die Lücke seitdem.

Die Bekanntesten Bilder Und Wo Sie Hängen

Das bekannteste Bild „Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben“ (Bruderkuss) von Dmitri Wladimirowitsch Wrubel steht an der Mühlenstraße 73-74, etwa 200 Meter östlich der Oberbaumbrücke. „Test the Best“ von Birgit Kinder zeigt einen Trabant 601, der eine Betonmauer durchbricht. Das Motiv sitzt unweit der Oberbaumbrücke auf der Westseite. „Vaterland“ von Günther Schaefer und „Der 9. November 1989“ von Greta Mager befinden sich im mittleren Abschnitt. „Curriculum Vitae“ von Rosemarie Schinzler hängt nahe dem Ostbahnhof. Das Bild „Es ist, wie es ist“ von Kani Alavi wurde durch den Lückenriss 2013 zerstört.

East Side Gallery Künstler 1990: Wer Beteiligt War Und Was Daraus Wurde

Die East Side Gallery Künstler 1990 kamen aus 21 Ländern. Von den 118 Künstlern der Erstbemalung beteiligten sich 33 an der ersten Großrestaurierung im Jahr 2000, die rund 1000 m² sanierte. Die Vergütung pro Bild blieb pauschal; die genaue Summe ist nicht veröffentlicht. Bei der zweiten Großrestaurierung von Mai bis Oktober 2009 lud die Stiftung Berliner Mauer 87 Künstler zur Neumalung ein. Vier Künstler lehnten ab und ließen ihre Bilder komplett löschen. Zehn neue Bilder kamen hinzu. Kernvorwurf der Künstler 2009: Übermalung ohne Einwilligung, mangelhafte Ausführung, fehlende Vergütung. Mehrere drohten mit Klage wegen Urheberrechtsverletzung. Die Restaurierungskosten 2009 betrugen rund 2,2 Millionen Euro.

Mauerrest Spreeufer Berlin: Die Promenade Und Ihre Lücken

Der Mauerrest Spreeufer Berlin verläuft zwischen Warschauer Straße und Ostbahnhof. Die Spreeufer-Promenade ist tagsüber von Touristenströmen bevölkert. Der Weg ist flach und frei zugänglich. Vandalismus an den Bildern ist ein wiederkehrendes Problem: Farbsprayer und Graffiti überziehen die restaurierten Flächen regelmäßig. Eine Restaurierung nach jeder Schmiererei wäre wirtschaftlich nicht tragbar. Viele Übermalungen bleiben sichtbar. Suchen Sie nicht nach der Originalsubstanz von 1990. Sie existiert nicht mehr. Die heutige Galerie ist ein Denkmal der Restaurierung, nicht der Erstbemalung.

East Side Gallery Berlin wall
Ank Kumar , CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Sanierung 2009 Und 2013: Warum Zweimal Übermalt Werden Musste

Die erste Großrestaurierung 2000 rettete nur rund 1000 m². Die zweite Sanierung 2009 übermalte alle 102 erhaltenen Bilder komplett. Die Stiftung Berliner Mauer ließ die gesamte Fläche neu bemalen. 87 eingeladene Künstler nahmen teil. Die vier Verweigerungen führten zu weißen Lücken. 2013 folgte der Lückenriss für das Luxuswohnprojekt „Living Levels“ am Osthafen. Sechs Segmente, darunter das Bild von Kani Alavi, verschwanden endgültig. Seit 2013 zeigt die East Side Gallery die Kunst von 2009 und 2013. Nicht die von 1990.

Wem Die East Side Gallery Taugt, Und Wem Nicht

Für Wen Sich Der Besuch Lohnt

Die East Side Gallery ist für Geschichts-Tracer gemacht, die Mauerreste lesen können und verstehen wollen, wie aus der Narbe Stadt wurde. Nachtschwärmer auf Spurensuche der frühen Techno-Geburt finden hier den Ort, an dem die Mauer-Schneise zur Clublandschaft wurde. Urban-Exploration-Enthusiasten mit Gespür für Zwischennutzungen und verschwundene Brachen werden die Lücken und den Vandalismus als Teil der Geschichte verstehen. Nostalgiker der 90er-Jahre-Ästhetik und frühen Digital-Boheme und Architekturbegeisterte, die den Umbau der Mitte als Großexperiment lesen wollen, bekommen hier den dichtesten Ausschnitt.

Wer Die East Side Gallery Überspringen Sollte

Nicht geeignet ist die East Side Gallery für Reisende, die ein flanierfreundliches, fertiges und harmonisches Stadtbild suchen. Das war Berlin programmatisch nicht. Besucher mit wenig Geduld für Industriecharme, graue Himmel, weite Wege und fragmentierte Erinnerungsorte werden hier unglücklich. Wer saubere Barockfassaden will, findet sie nicht an der Mühlenstraße.

Der häufigste Fehler: Besucher glauben, die 90er-Orte befänden sich kompakt in „Berlin-Mitte“ oder alles läge am Ku'damm. Die East Side Gallery liegt in Friedrichshain-Kreuzberg, dezentral im Osten. Wer nur die Regierungsbauten abläuft, verfehlt den Geist dieser Jahre völlig.

Common Questions

Warum wurde die East Side Gallery zweimal übermalt?

Die erste Übermalung betraf die Restaurierung 2000 (ca. 1000 m²). Die zweite, vollständige Übermalung aller 102 erhaltenen Bilder erfolgte von Mai bis Oktober 2009, weil die Farbe der Erstbemalung durch Witterung und Vandalismus unrettbar beschädigt war. 2013 entfernte ein Bauprojekt sechs Segmente, was eine weitere faktische Übermalung der Lücke bedeutete.

Wie lang ist die East Side Gallery genau?

1316 Meter. Die Höhe der Mauersegmente beträgt 3,60 Meter. Die bemalte Fläche umfasst rund 4800 m². Die Galerie liegt an der Mühlenstraße zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.

Ist die East Side Gallery jederzeit zugänglich?

Ja, sie ist durchgängig öffentlich zugänglich und hat keine Schließzeiten. Der Eintritt ist kostenfrei. Kommen Sie werktags bei Sonnenaufgang, dann ist es am leersten. Im Januar und Februar kommen die wenigsten Besucher.

Welche Bilder sind am bekanntesten?

Das bekannteste Motiv ist der Bruderkuss von Dmitri Wrubel (Mühlenstraße 73-74). Der Trabant von Birgit Kinder, ‚Vaterland‘ von Günther Schaefer, der 9. November 1989 von Greta Mager und ‚Curriculum Vitae‘ von Rosemarie Schinzler sind die weiteren Hauptmotive. Das Bild von Kani Alavi wurde 2013 zerstört.

Warum protestierten 2013 Tausende gegen den Abriss?

Am 1. März 2013 demonstrierten etwa 6000 Menschen gegen die Entfernung von sechs Mauersegmenten für das Luxusbauprojekt ‚Living Levels‘. Der Investor Maerz-Immobiliengruppe ersetzte die Lücke durch eine provisorische Stahlkonstruktion. Die Bilder in diesem Abschnitt, darunter das von Kani Alavi, gingen verloren.