Friedrichshain: Hausbesetzer, Techno und die East Side Gallery
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Friedrichshain: Hausbesetzer, Techno Und Die East Side Gallery
Am 14. November 1990 räumten 3.000 Polizisten die Mainzer Straße. Drei Tage lang, unter der Einsatzleitung von Innensenator Erich Pätzold (SPD), rollte der größte polizeiliche Einsatz in der Geschichte des wiedervereinten Berlins durch Friedrichshain. Die Räumung traf die Häuser Mainzer Straße 2 bis 11 und 20 bis 23 sowie Teile der Colbestraße und Bänschstraße. Mindestens 400 Menschen wurden verletzt, darunter Polizisten und Besetzer. Das Ergebnis war vollständig: Alle besetzten Häuser wurden geräumt. Heute sind dieselben Adressen saniert und in Privatbesitz. Wer dort steht, sieht eine ruhige Wohnstraße. Nichts erinnert an die Schlacht. Dies ist der Kern der Geschichte von Friedrichshain: eine Szene, die aus Lücken im Stadtplan wuchs, aus unrenovierten Fassaden, fensterlosen Industriehöfen und einer Verwaltung, die erst schießen ließ und dann verkaufte.
Die Karte Der Frühen Szene: Revaler Straße, Boxhagener Straße, Mainzer Straße
Friedrichshain in den frühen 1990ern war kein Postkartenbezirk. Die Station Warschauer Straße öffnete erst 1995. Der S-Bahnhof Ostkreuz war ein rostiger Umsteigebahnhof. Die Oberbaumbrücke wurde am 9. November 1994 für Fußgänger wiedereröffnet, aber die Verbindung zwischen Kreuzberg und Friedrichshain blieb jahrelang eine Baustelle. Drei Achsen trugen die Szene: die Revaler Straße, die Boxhagener Straße und die Mainzer Straße. Sie lagen in einem Flickenteppich aus Altbaukiezen, Trümmerschuttbergen und Brachen.
Revaler Straße 99: Das RAW-Areal
Das Reichsbahnausbesserungswerk Berlin Friedrichshain, kurz RAW, wurde 1994 stillgelegt. Mitte der 1990er begannen Besetzung und Zwischennutzung. In den Hallen eröffneten der RAW Tempel, der Pogo Club und Extase, drei der frühen Technoclubs. 1998 kam die Skatehalle Berlin in einer ehemaligen Wagenhalle dazu. Heute ist das Areal ein Kultur- und Gewerbestandort im Erbbaurecht der Kurth Gruppe bis 2051. Die Clubs heißen jetzt Cassiopeia, Astra Kulturhaus und Badehaus Berlin. Der Biergarten auf dem Hof zählt zu den größten in Friedrichshain. Trinken Sie dort Sternburg aus dem Späti, während Skateboarder durch die Halle klappern. Der Zustand: teilsaniert, teils im Original. Kein Abriss geplant. Die Adresse: Revaler Straße 99, 10245 Berlin.
Boxhagener Straße: Clubzellen und Kneipen
Die Boxhagener Straße war die zweite Achse. Hier lagen die Clubzellen in Hinterhöfen und Kellergewölben. Die Simon-Dach-Straße entwickelte sich ab 1993/1994 von leerstehenden Altbauten zur Kneipen- und Ausgehmeile. Die Kneipen am Boxhagener Platz waren damals einfache Raucherkneipen; das Herrengedeck bestand aus Dosenbier und billigem Korn. Heute ist die Simon-Dach-Straße vollständig saniert mit dichter Gastronomie von Hausnummer 1 bis 40. Was verlor en ging: die dreckige, unfertige Atmosphäre. Die Türpolitik war eine andere: Wer reinkam, entschied der Türsteher nach Sympathie, nicht nach Kleiderordnung. Die Clubs der 1990er sind bis auf wenige Ausnahmen verschwunden.
Mainzer Straße: Besetzung und Räumung
Die Mainzer Straße war das Zentrum der Hausbesetzerbewegung. 1990 gab es in Friedrichshain über 120 besetzte Häuser. Die Mainzer Straße war das Symbol des Widerstands. Nach der Räumung am 14. November 1990 wurden alle Häuser saniert und in privaten Wohnungsbestand überführt. Heute ist die Straße, 10247 Berlin Friedrichshain, eine unauffällige Wohnstraße. Der einzige Hinweis auf die Geschichte ist das Wissen, das man mitbringt. Die Rigaer Straße 94, 10247 Berlin, ist bis 2026 nach mehreren Räumungsversuchen seit 2016 weiterhin besetzt. Von den ursprünglich besetzten Häusern Rigaer Straße sind einige teilsaniert, teils besetzt; die Eigentümerverhältnisse wechseln. Etwa 10 bis 15 Häuser in Friedrichshain sind heute noch besetzt, Schwerpunkt Rigaer Straße und Umgebung.
Berghain Friedrichshain Und Die Verbliebenen Techno-Adressen
Berghain Friedrichshain steht in der Revaler Straße. Das Heizkraftwerk, in dem der Club 2004 eröffnete, war ein Umspannwerk der Berliner Stadtreinigung. Die Türpolitik ist berüchtigt, aber der Kern ist ein Techno-Club, der auf die Tradition der 1990er zurückgeht: langes Spielen, harter Sound, fensterloser Raum. Der Eintritt kostet 2026 zwischen 20 und 30 Euro. Bargeldpflicht. Berghain ist der einzige große Club in Friedrichshain, der direkt auf einen Ort der 1990er zurückgeht. Andere Adressen existieren nicht mehr. Die Clubzellen in der Boxhagener Straße sind Wohnungen geworden. Der RAW Tempel ist umgenutzt. Das E-Werk in der Wilhelmstraße, ein früher Techno-Tempel, ist heute eine Eventlocation. Der Tresor im Keller der Leipziger Straße, der Ur-Technokeller im ehemaligen Kaufhaus Wertheim Tresorraum, hat überlebt, aber in Mitte, nicht in Friedrichshain. Planen Sie drei Tage: einen Tag für die Mauerschneise, einen Tag für die ostwestliche Brachkultur, einen Abend für die verbliebenen Originalschauplätze.
RAW-Gelände Berlin: Das Umgenutzte Areal
Das RAW-Gelände Berlin ist das beste Beispiel für eine gelungene Zwischennutzung. Die Reichsbahnausbesserungswerk-Halle, in der heute die Skatehalle sitzt, wurde 1998 eröffnet. Davor war sie eine leere Wagenhalle. Heute gibt es einen Kletterturm, mehrere Clubräume, Biergärten und Ateliers. Die Kurth Gruppe besitzt das Erbbaurecht bis 2051. Der Eintritt auf das Gelände ist frei. Die Clubs haben eigene Preise: Cassiopeia verlangt 10 bis 15 Euro, Astra Kulturhaus 15 bis 20 Euro. Ein Bier im Biergarten kostet 4 bis 5 Euro; Sternburg ist meist günstiger. Die Biergarten-Saison läuft von Mai bis September. Im Januar und Februar ist das Gelände bei klirrender Kälte kaum zu besuchen. Die Adresse: Revaler Straße 99, 10245 Berlin. Der Eingang liegt an der Warschauer-Straße-Seite.
East Side Gallery: Der Touristische Anker
Die East Side Gallery ist das längste erhaltene Mauerstück, 1.316 Meter auf der Mühlenstraße zwischen Ostbahnhof und Oberbaumbrücke, 10243 Berlin. 118 Künstler aus 21 Ländern bemalten die Mauer im Frühjahr 1990. Die erste Restaurierung erfolgte 2000 durch die Künstlergruppe um Kani Alavi. Die zweite Restaurierung 2009 kostete 2,2 Millionen Euro. 2013 wurde ein 40-Meter-Segment für das Luxuswohnprojekt Living Levels abgerissen. Der Status 2026: öffentlich zugängliches Denkmal, kostenfrei. Der Zugang ist rund um die Uhr möglich. Die East Side Gallery ist der touristische Anker, aber der Bezirk dahinter war weit mehr. Wer nur die Mauer fotografiert, verpasst die Revaler Straße, die Mainzer Straße und die Rigaer Straße. Die East Side Gallery zeigt die Wende, aber nicht die harte Arbeit an der neuen Identität, die im Rauch der Industriehöfe stattfand.
Samariterviertel Geschichte Und Boxhagener Platz Kneipen
Das Samariterviertel beginnt in den 1990er Jahren als Sanierungsgebiet. Die Samariterkirche an der Samariterstraße war ein Treffpunkt der Hausbesetzerszene. Die umliegenden Altbaukieze waren unrenoviert, die Fassaden bröckelten. Heute ist das Samariterviertel ein ruhiges Wohngebiet mit wenigen Spuren der Besetzerzeit. Die Kneipen am Boxhagener Platz sind heute anders als in den 1990ern. Damals traf man sich in den Raucherkneipen, heute sitzt man in sanierten Lokalen. Der Späti am Platz verkauft Sternburg Bier und Bockwurst mit Schrippe, die nächtliche Techno-Tankstelle. Der Wochenmarkt findet samstags statt, aber die Kneipenkultur ist kommerzieller geworden. Wer die alten Spuren sucht, muss in die Seitenstraßen gehen: Rigaer Straße, Mainzer Straße, Colbestraße. Dort stehen noch die unrenovierten Fassaden, die an die Zeit erinnern, als Friedrichshain eine leere Sandwüste war.
Oberbaumbrücke Mauer Und Die Verbindung Nach Kreuzberg
Die Oberbaumbrücke ist das Symbol der Teilung und der Wiedervereinigung. Am 9. November 1994 wurde sie für Fußgänger wiedereröffnet. Heute verbindet sie Friedrichshain mit Kreuzberg. Die U-Bahn-Linie U1 fährt über die Brücke. Der Fußgängerweg bietet einen Blick auf die East Side Gallery und die Spree. Die Brücke war in den 1990ern ein wichtiger Durchlass zwischen der Kreuzberger Szene (SO36) und der Friedrichshainer Brache. Die Adresse: Oberbaumbrücke, 10243 Berlin. Der Zugang ist kostenfrei, rund um die Uhr. Gehen Sie von der Oberbaumbrücke entlang der Mühlenstraße bis zum Ostbahnhof, um die Mauerschneise zu verstehen. Die Distanz beträgt 1,3 Kilometer. Unterwegs sehen Sie die East Side Gallery und die Neubauten, die auf den Brachen der 1990er entstanden sind. Die Brücke ist kein Ort zum Verweilen, sondern ein Durchgang.
| Ort | Gründung oder Besetzung | Zustand 2026 | Adresse |
|---|---|---|---|
| RAW Tempel | Mitte 1990er | Umgenutzt, Teil des RAW-Areals | Revaler Straße 99 |
| Pogo Club | Mitte 1990er | Verschwunden | Revaler Straße 99 |
| Extase | Mitte 1990er | Verschwunden | Revaler Straße 99 |
| Berghain | 2004 | Aktiv, Techno-Club | Revaler Straße |
| Cassiopeia | Nach 2000 | Aktiv, Club auf RAW-Areal | Revaler Straße 99 |
| Astra Kulturhaus | Nach 2000 | Aktiv, Konzert und Club | Revaler Straße 99 |
| Badehaus Berlin | Nach 2000 | Aktiv, Club | Revaler Straße 99 |
Praktische Hinweise Für Die Spurensuche
Reisen Sie über den Flughafen Berlin Brandenburg (BER) an. Nehmen Sie die S-Bahn S9 oder S45 zum Alexanderplatz, etwa 35 Minuten, Einzelfahrschein rund 4,00 Euro. Die VBB-Umweltkarte Tageskarte Zone AB kostet rund 9,50 Euro (Stand 2024). Die S- und U-Bahn-Taktung im Osten ist abends ab 1 Uhr stark ausgedünnt. Die Brachen liegen im Nahverkehrs-Niemandsland. Planen Sie 45 bis 60 Minuten Reisezeit zwischen den einzelnen Stationen. Tragen Sie festes Schuhwerk; die meisten Kellerclubs und Backsteinbrachen haben keine Aufzüge. Nehmen Sie Bargeld mit. In verbliebenen Techno-Kellern und Spätis herrscht Bargeldpflicht. Öfentliches WLAN ist in Altbauten und Brachen miserabel. Laden Sie Offline-Karten vorab. SIM-Karten an Spätis sind günstig, aber die Registrierung per Video-Ident scheitert oft an ausländischen Reisepässen. Buchen Sie besser eine eSIM vor Reiseantritt. Der Volkspark Friedrichshain mit dem Märchenbrunnen ist ein ruhiger Ort zum Verschnaufen, aber kein Teil der Technoszene. Der Trümmerschuttberg im Volkspark erinnert an die Nachkriegszeit, nicht an die 1990er.
Für Wen Friedrichshain Geeignet Ist Und Für Wen Nicht
Friedrichshain in dieser Zeit ist ein Flickenteppich aus Provokation, Baustelle und Euphorie, nüchterner als der Mythos verspricht. Besucher finden die Orientierung härter als erwartet, weil die Mitte damals eine leere Sandwüste zwischen zwei einst getrennten Stadthälften war und der Puls oft in fensterlosen Industriehöfen schlug, nicht an Postkartenplätzen. Was heute wie eine einzige Party wirkt, war damals oft harte, dreckige Arbeit an einer neuen Identität, bei der man den Sound im Rauch erst mal finden muste. Friedrichshain past zu Geschichts-Tracern, die Mauerreste lesen können, zu Nachtschwärmern auf Spurensuche der frühen Techno-Geburt, zu Urban-Exploration-Enthusiasten mit Gespür für Zwischennutzungen, zu Nostalgikern der 1990er-Jahre-Ästhetik und zu Architekturbegeisterten, die den Umbau der Mitte als Großexperiment lesen wollen. Friedrichshain ist nicht geeignet für Reisende, die ein flanierfreundliches, fertiges und harmonisches Stadtbild suchen, oder für Besucher mit wenig Geduld für Industriecharme, graue Himmel, weite Wege und fragmentierte Erinnerungsorte. Wer saubere Barockfassaden will, wird hier unglücklich.
Common Questions
Welche konkreten Gebäude in Friedrichshain waren in den 1990ern Zentren der Hausbesetzer- und Technoszene?
Die drei Hauptachsen waren die Revaler Straße mit dem RAW-Areal, die Boxhagener Straße mit den Clubzellen und die Mainzer Straße mit den besetzten Häusern. Die Adressen sind Revaler Straße 99, Mainzer Straße 2 bis 11 und 20 bis 23, Rigaer Straße 94.
Was ist aus dem RAW-Gelände geworden?
Das RAW-Gelände ist ein Kultur- und Gewerbestandort mit Clubs wie Cassiopeia, Astra Kulturhaus und Badehaus Berlin. Die Skatehalle ist erhalten. Der Biergarten ist im Sommer geöffnet. Die Adresse: Revaler Straße 99. Das Gelände ist teilsaniert, kein Abriss geplant.
Ist die East Side Gallery kostenfrei?
Ja, die East Side Gallery ist rund um die Uhr kostenfrei zugänglich. Die Adresse: Mühlenstraße 3 bis 100, 10243 Berlin. Der Status 2026 ist öffentliches Denkmal.
Wann wurde die Mainzer Straße geräumt?
Die Räumung begann am 14. November 1990 mit 3.000 Polizisten unter Einsatzleitung von Innensenator Erich Pätzold. Die Dauer betrug drei Tage. Mindestens 400 Menschen wurden verletzt. Alle besetzten Häuser wurden vollständig geräumt.
Gibt es noch besetzte Häuser in Friedrichshain?
Ja, etwa 10 bis 15 Häuser sind noch besetzt, Schwerpunkt Rigaer Straße und Umgebung. Die Rigaer Straße 94 ist bis 2026 weiterhin besetzt nach mehreren Räumungsversuchen seit 2016.
Welcher Club in Friedrichshain geht direkt auf die 1990er zurück?
Berghain Friedrichshain in der Revaler Straße. Der Club eröffnete 2004 im ehemaligen Heizkraftwerk. Andere Clubs wie der RAW Tempel oder Pogo Club existieren nicht mehr oder sind umgenutzt.
Wann ist die beste Reisezeit für die Spurensuche in Friedrichshain?
Mai bis September. Lange Nächte ermöglichen das Durchstreifen der Industriehöfe und Brachen. Januar und Februar sind wegen klirrender Kälte auf den Brachflächen zu vermeiden.