Der Pariser Platz Berlin und wie er in den 90er Jahren komplett neu gebaut wurde

Der Pariser Platz in Berlin war ein Todesstreifen, bevor er in den 90ern komplett neu bebaut wurde. Was ist heute am Brandenburger Tor zu sehen?

Pariser Platz Berlin
Leonhard Lenz , CC0 via Wikimedia Commons

Der Neuaufbau Des Pariser Platzes: Ein Missverständnis

Sie stehen auf dem Pariser Platz und denken, dieser Boden sei uralt. Er ist es nicht. Vor 1990 lag die gesamte Fläche im Todesstreifen der Berliner Mauer. Das Tor stand im Sperrgebiet. Niemand kam hierher. Heute ist der Platz eine perfekt inszenierte Fußgängerzone, aber die Kulisse um Sie herum wurde erst in den 1990er Jahren komplett neu gebaut. Die historische Raumkante, die Sie sehen, ist eine Rekonstruktion nach strengen Gestaltungsrichtlinien.

Vom Todesstreifen Zum Investorenwettbewerb: 1993 Als Wendepunkt

Nach dem Mauerfall am 9. November 1989 und der ersten Grenzöffnung am Tor am 22. Dezember 1989 lag der Pariser Platz vier Jahre lang als unbebaute Brachfläche. Erst 1993 begann die Rekonstruktion. In jenem Jahr lobte der Senat von Berlin einen städtebaulichen Wettbewerb aus. Die Vorgabe war klar: Wiederherstellung des historischen Stadtgrundrisses. Das bedeutete einen quadratischen Grundriss von etwa 1,5 Hektar, eine geschlossene Platzwand und eine durchgehende Traufkante auf 18 Metern Höhe.

Die Gestaltungsrichtlinie Im Detail

Der Bebauungsplan 1 1 „Pariser Platz“ vom 27. Januar 1995 legte jede einzelne Linie fest. Die maximale Traufhöhe betrug 22 Meter. Das Fassadenmaterial musste Naturstein sein, also eine Werksteinverkleidung. Die Bauflucht zwang zur historischen Platzgeometrie. Die Dachform schrieb geneigte Dächer mit mindestens 22 Grad Neigung vor, Flachdächer waren verboten. Der Fensteranteil durfte maximal 50 Prozent der Fassadenfläche betragen, als Lochfassade ausgeführt. Jeder Investor, jeder Architekt musste sich daran halten. Das Ergebnis ist kein historischer Platz, sondern ein Gesamtkunstwerk der 1990er Jahre nach strengen Regeln.

Hotel Adlon Berlin Neubau: Ein Schlüssel Im Fundament

Das Hotel Adlon Berlin Neubau öffnete am 23. August 1997 als erstes fertiggestelltes Gebäude. Der Architekt Patzschke & Partner aus Berlin setzte auf eine historisierende Fassade. Kein originales Bauteil des alten Adlon ist erhalten. Der einzige historische Bestandteil ist ein originaler Schlüssel des alten Adlon, der im Fundament eingemauert wurde, die genaue Stelle ist nicht dokumentiert, der Betreiber gibt dazu keine Auskunft. Für den Gast zählt das Ergebnis: 22 Meter Traufhöhe, Natursteinfassade, geneigtes Dach. Das Haus steht auf dem exakt gleichen Grundriss wie der Vorgängerbau, aber es ist ein reiner Neubau der 1990er Jahre. Buchen Sie ein Zimmer auf der Platzseite, nicht zum Hof. Prüfen Sie vor Buchung den aktuellen Preis auf der Hotelwebsite, die Raten schwanken stark nach Veranstaltungskalender.

Pariser Platz Geschichte: Vom Sperrgebiet Zur Kulisse Der Loveparade

Die Geschichte des Pariser Platzes vor 1989 ist eine Geschichte der Leere. Der gesamte Platz war Teil des Todesstreifens. Niemand ging hier spazieren. Nach der Grenzöffnung dauerte es Jahre, bis sich das änderte. Ein entscheidender Moment war die Loveparade 1997, die erstmals durch das Tor und über den Pariser Platz führte. Zuvor waren die Routen 1996 und davor über die Straße des 17. Juni gelaufen. Die Bilder der Technomasse vor dem Tor prägten das Bild des neuen Berlin. Die letzte Loveparade in Berlin fand 2006 statt. Heute ist der Platz eine Fußgängerzone und Veranstaltungsfläche für politische und kulturelle Events, Eigentum des Landes Berlin, öffentlich zugänglich.

Brandenburger Tor Umfeld: Was Noch Fehlt Und Was Schon Da Ist

Das Umfeld des Tores ist bis heute nicht vollständig fertiggestellt. Das Tor selbst wurde von 2000 bis zum 3. Oktober 2002 saniert und wiedereröffnet. Die Originalsubstanz des Sandsteinbaus von Carl Gotthard Langhans (1788-1791) ist teilweise erhalten. Die Quadriga ist ein Nachguss von 1957/58, basierend auf Gipsformen von 1942. Das Original von Johann Gottfried Schadow wurde 1945 zerstört.

Pflaster, Brunnen Und Mauerspur

Die Pflasterung des Pariser Platzes erfolgte ab 1999 als Mosaikpflaster aus Granit nach historischem Vorbild. Kein originales Platzpflaster ist erhalten. Ein Brunnen nach Entwurf von Christian Möller wurde 1995 neu angelegt. Die doppelte Pflastersteinreihe aus Kopfsteinpflaster markiert den ehemaligen Mauerverlauf. Einen erhaltenen Mauerrest gibt es hier nicht, der nächste Abschnitt liegt in der Niederkirchnerstraße, etwa 1,2 Kilometer entfernt. Gehen Sie dorthin, wenn Sie ein echtes Stück Mauer anfassen wollen. Der Fußweg dauert etwa 15 Minuten.

Pariser Platz Architektur 90Er: Frank Gehry Und Die Akademie Der Künste

Die Architektur der 90er Jahre am Pariser Platz zeigt zwei gegensätzliche Ansätze. Das Gebäude der DZ Bank (Pariser Platz 3) wurde im Jahr 2000 fertiggestellt. Der Architekt Frank O. Gehry aus Los Angeles entwarf einen reinen Neubau. Kein originales Bauteil blieb erhalten. Im Innenhof verbirgt sich eine Skulptur namens „Pferdeschädel“ aus Edelstahl, dazu ein Konferenzraum in organischer Form, typisch Gehry. Von außen hält sich der Bau an die strengen Gestaltungsregeln: Natursteinfassade, 22 Meter Traufhöhe, geneigtes Dach. Die Akademie der Künste folgte am 21. Mai 2005. Der Architekt Günter Behnisch & Partner aus Stuttgart baute einen Neubau hinter einer rekonstruierten gläsernen Fensterfront. Diese Front zitiert das zerstörte Palais Arnim, das frühere Akademiegebäude. Auch hier: kein originales Bauteil erhalten.

Hotel Adlon Berlin
Raimond Spekking , CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Das Liebmann Areal Und Die Säule Am Brandenburger Tor

Das Liebmann Areal liegt nicht direkt am Pariser Platz, sondern in unmittelbarer Nähe und gehört zum Botschaftsviertel. Es wurde zeitgleich mit dem Platz neu bebaut. Die Säule am Tor ist ein konkreter Ort der 1990er Jahre: Hier fand die erste Loveparade Afterparty statt, nachdem die Menge durch das Tor gezogen war. Heute ist sie ein Treffpunkt für Touristenströme. Die Säule selbst ist kein Bauwerk des Platzes, sondern ein Denkmal im Tiergarten nahe des Tores. Vom Pariser Platz aus sehen Sie sie in der Achse der Straße des 17. Juni.

Die Rekonstruktion Der Platzwand: Was Das Auge Sieht Und Was Fehlt

Die geschlossene Platzwand ist das entscheidende Gestaltungselement. Sie sehen eine durchgehende Raumkante aus Gebäuden, die exakt auf der historischen Bauflucht stehen. Die Traufkante liegt auf 18 Metern, die maximale Traufhöhe bei 22 Metern. Jede Fassade besteht aus Naturstein. Jedes Dach ist geneigt, 22 Grad oder steiler. Die Fenster sind Lochfassaden mit maximal 50 Prozent Anteil an der Fassadenfläche. Was Sie nicht sehen: die Lücken. Das Liebmann Areal und das angrenzende Botschaftsviertel wurden erst später bebaut. Der Tiergarten jenseits des Tores war bis in die späten 1990er Jahre eine Brache. Der Umbau der Mitte, bekannt als Planwerk Innenstadt von 1999, zielte auf genau diese Wiederherstellung des historischen Stadtgrundrisses. Doch der Pariser Platz blieb das einzige vollständig realisierte Beispiel dieser Idee.

Einzige Fehlerquelle: Den Checkpoint Charlie Für Ausreichend Halten

Der häufigste Fehler ist, nur den Checkpoint Charlie und das Mauermuseum zu besuchen und dann zu glauben, man habe den Umbau der 1990er Jahre verstanden. Der eigentliche Umbau fand kilometerweit entfernt statt: auf leeren Brachen in Mitte, auf dem Potsdamer Platz, in den Hinterhöfen von Friedrichshain und Kreuzberg. Der Pariser Platz ist nur ein Teil dieser Geschichte. Planen Sie mindestens drei Tage ein, wenn Sie die Transformation verstehen wollen. Sonst bleiben Sie bei einem oberflächlichen Mauersegment und einem Clubfoto.

Die Entscheidende Route: Vom Platz Zum Potsdamer Platz

Nehmen Sie sich die Zeit für einen Spaziergang vom Pariser Platz durch das Tor zum Potsdamer Platz. Dort sehen Sie die Infobox von 1995, den Prototyp des 1990er Jahre Neubau Booms. Vergleichen Sie die strenge Raumkante des Pariser Platzes mit der offenen Bebauung rund um den Potsdamer Platz. Das ist der Unterschied zwischen dem Gesamtkunstwerk und dem Wildwuchs der Investorenarchitektur.