Was aus dem Tacheles, dem bekanntesten besetzten Haus Berlins, geworden ist
Das Tacheles in der Oranienburger Straße war das Symbol der Berliner Hausbesetzerbewegung – heute ist das einstige Künstlerhaus teilsaniert und nur noch als Fotospot wiederzuerkennen.
Wer an der Oranienburger Straße 54-56a das Tacheles der 1990er Jahre erwartet, wird enttäuscht. Das wilde Gerippe aus Stahl und Beton mit seinen 60 Ateliers, der improvisierten Mensa im Hinterhof und der Bar, in der bis zum Morgengrauen diskutiert wurde, ist verschwunden. An seiner Stelle steht ein teilsanierter Neubaukomplex. Herzog & de Meuron und Grüntuch Ernst Architekten haben Fragmente der historischen Fassade in einen Block aus Einzelhandel, Büros und Wohnungen eingefügt. Geblieben sind ein öffentlicher Durchgang mit einem freistehenden Torbogen samt erhaltenem Schriftzug und ein Stück der Straßenfront. Mehr nicht.
Tacheles Geschichte Besetzung: Wie Aus Einem Geplanten Abriss Ein Kunsthaus Wurde
Das Gebäude war ursprünglich die Friedrichstraßenpassage, ein Warenhaus, das 1907-1908 nach Plänen von Franz Ahrens entstand. Nach Kriegsschäden und einer Nutzung als NSDAP-Büros stand es ab den 1980er Jahren leer. 1990 war der Abriss beschlossen.
Im Februar 1990 besetzte die Künstlerinitiative Tacheles das Stahlgerippe und verhinderte den Abriss durch Verhandlungen. Das war keine spontane Party. Es war Arbeit an einer neuen Identität in einer Stadt, die damals ein Flickenteppich aus Provokation, Baustelle und Euphorie war. 1992 wurde das Haus offiziell als Kulturzentrum anerkannt. Es beherbergte bis zu 60 Ateliers, ein Programmkino im angrenzenden Hochbunker, die Zapata Bar und einen Skulpturengarten im Hinterhof. Die Besetzerküche prägte den Alltag: gegen Spende gab es improvisiertes Kantinenessen. Das Haus wurde zum Symbol der Zwischennutzung auf den Brachen der Berliner Mitte.
Tacheles Oranienburger Straße: Was Von Der Besetzten Ruine Sichtbar Ist
Die Räumung erfolgte am 4. September 2012 durch die HSH Nordbank. 2014 kaufte der US-Investmentfonds Perella Weinberg Partners das Grundstück, 2015 übernahm es der Berliner Projektentwickler pwr development. Das Bauprojekt hieß Am Tacheles. Baubeginn war 2019, die Fertigstellung 2023.
Erhaltene Fragmente
Drei Fassadenteile blieben stehen: der Torbogen mit dem Schriftzug TACHELES, ein Seitenflügel entlang der Straße und Teile der rückwärtigen Fassade an der Friedrichstraße. Der Torbogen steht freistehend in einem öffentlichen Durchgang, der rund um die Uhr begehbar ist. Die historische Fassade an der Oranienburger Straße wurde in den Neubau integriert. Die Bauten von Herzog & de Meuron und Grüntuch Ernst Architekten beherbergen Einzelhandel, Büros, Gastronomie und Wohnungen. Die Investorenruine, die das Straßenbild jahrelang prägte, ist einer Teilsanierung gewichen. Der Hochbunker an der Reinhardtstraße mit dem ehemaligen Programmkino gehört nicht zum neuen Quartier. Sein Eigentümer ist privat, eine öffentliche Nutzung besteht nicht.
Tacheles Künstlerhaus Ruine: Der Fotospot Und Die Metallskulpturen
Für Fotografen und Urban-Exploration-Enthusiasten lohnt der Ort trotz der Sanierung. Gehen Sie in den öffentlichen Durchgang. Dort steht der freistehende Torbogen mit dem Schriftzug TACHELES im Kontrast zu den scharfkantigen Neubauten. Metallskulpturen aus dem ehemaligen Skulpturengarten wurden zum Teil im neuen Quartier aufgestellt. Der genaue Standort wechselt. Wer sie finden will, muss den gesamten Durchgang und die angrenzenden Höfe abschreiten.
Der Fotospot ist jederzeit zugänglich. Kommen Sie am späten Nachmittag, wenn die Sonne die historische Fassade an der Oranienburger Straße streift. Die Ruine in ihrem rohen Zustand fotografieren können Sie nicht mehr. Die Stahlgerippe-Ästhetik der 1990er Jahre existiert an dieser Adresse nicht mehr.
Tacheles Sanierung Fotospot: Was Ein Besucher 2026 Tatsächlich Sieht
Wer die Adresse Oranienburger Straße 54-56a ansteuert, sieht einen modernen Gebäudekomplex mit integrierter historischer Fassade. Der freistehende Torbogen mit dem Schriftzug TACHELES ist der einzige unübersehbare Hinweis auf die Vergangenheit. Die Nutzung hat sich vollständig gedreht: Einzelhandel, Büros, Gastronomie und Wohnungen dominieren. Die Besetzerküche, die improvisierte Mensa-Kultur und die Zapata Bar sind verschwunden. Auch der Skulpturengarten im Hinterhof, einst das Herz des Kunsthauses, existiert nicht mehr. Wer den Geist der 1990er Jahre sucht, findet ihn nur noch in den erhaltenen Fassadenfragmenten.
Wann der Besuch lohnt
Kommen Sie früh am Morgen oder spät am Abend. Dann sind die Hotelpreise in Mitte hoch und die Touristenströme bleiben aus. In dieser Stille lässt sich die Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität am besten erfassen. Ob ein Besuch lohnt, hängt von Ihrer Erwartungshaltung ab. Wer eine intakte Ruine erwartet, wird enttäuscht. Wer die Stadtentwicklung Berlins als Großexperiment lesen will, findet einen der prägnantesten Orte dafür.
Wege Durch Die Berliner Brache: Kontext Für Den Tacheles-Besuch
Das Tacheles war nie ein isolierter Ort. Es lag im Herzen der Berliner Mitte, die nach dem Mauerfall eine leere Sandwüste zwischen zwei einst getrennten Stadthälften war. Wer den Kontext verstehen will, muss weitere Stationen der frühen Techno- und Besetzerkultur einplanen. Ein Tag reicht für die Mauerschneise entlang der Bernauer Straße mit der Gedenkstätte und dem Mauerpark. Ein zweiter Tag führt durch die ostwestliche Brachkultur: Potsdamer Platz, einst Brache, heute DaimlerCity; die Palast-der-Republik-Brache am Schlossplatz, heute Humboldtforum; und den RAW-Tempel in Friedrichshain. Einen Abend reservieren Sie für die verbliebenen Originalschauplätze der frühen Technoszene: den Keller des Tresor in der Leipziger Straße, das E-Werk in der Wilhelmstraße oder den KitKatClub.
Die Distanzen sind groß. Zwischen Bernauer Straße, Teufelsberg und Spreepark liegen jeweils 45 bis 60 Minuten Fahrt. Planen Sie drei Tage Minimum. Der Nahverkehr im Osten und Südosten ist abends ab 1 Uhr stark ausgedünnt, Brachen liegen im Niemandsland. Feste Schuhe sind Pflicht, viele Kellerclubs haben keine Aufzüge. Bargeld ist in Spätis und Technokellern die einzige Zahlungsoption.
Verpasste Adressen und die Löchrigkeit des Netzes
Ein häufiger Fehler ist die Annahme, die 1990er-Orte lägen kompakt in Berlin-Mitte. Die frühe Szene verteilte sich dezentral über billige Brachen im Osten: Friedrichshain, Treptow, Lichtenberg. Die West-Innenstadt spielte kulturgeografisch kaum eine Rolle. Viele Adressen existieren nicht mehr, Neubauten haben sie ersetzt, ohne Hinweisschilder. Das S- und U-Bahn-Netz spiegelt die Teilung wider: Strecken, die in den 1990ern noch stumpf endeten, wurden erst später verlängert. Rund um die alte Mauerschneise ist das Liniennetz noch heute löchrig. Planen Sie Busse ein, die die Brachen erschließen. Eine VBB-Umweltkarte, Tageskarte Zone AB, Stand 2024 etwa 9,50 Euro, ist zwingend. Öffentliches WLAN ist in Altbauten und Brachen miserabel. Laden Sie Offline-Karten für die Naviagation in Technokellern, die keinen Empfang haben. eSIM vor Reiseantritt buchen ist zuverlässiger als der Kauf einer SIM-Karte am Späti, dessen Regiestrierung per Video-Ident an ausländischen Reiesepässen oft scheitert.
Tagesausflüge Für Geschichts-Tracer
Drei Ausflüge ergänzen das Verständnis der Berliener Nachwendezeit. Die S-Bahn S7 bringt Sie in 40 Minutten nach Potsdam zur Glienicker Brücke, dem Agentenaustausch-Kulissenpunkt. Der Teufelsberg im Grunewald, erreichbar mit Bus M19 und S7 in 50 Minutten, ist ein Abhörberg auf einem Trümmerschuttberg mit einer Street-Art-Halle. Die Sachsenhausen-Gedenkstätte in Oranienburg, S-Bahn S1, eine Stunde, ist essenziell für das Verständnis der NS-Vorgeschichte des geteilten Berliens. Der DDR-Museumpark Fort Hahneberg in Spandau, Bus, eine Stunde 15 Minutten, ist eine verlassene Festungsruine und eine Brache par excellence. Diese Ziele sind nicht für Rieesende, die ein flanierfreundliches, harmonisches Stadtbild suchen. Industriecharme, graue Himmel, weite Wege und fragmentierte Erinerungsorte sind der Preis für das Verständnis dieser Ära.
| Ereignis | Jahr | Details |
|---|---|---|
| Besetzung | Februar 1990 | Küntlerinitiative Tacheles besetzt das leerstehende Warenhaus und verhindert den geplanten Abriss. |
| Anerkennung als Kulturzentrum | 1992 | Offizielle Anerkennung, bis zu 60 Ateliers, Kino, Bar, Skulpturengarten im Hinterhof. |
| Räumung | 4. September 2012 | Räumung durch die HSH Nordbank. |
| Verkauf des Grundstücks | 2014 | Verkauf an den US-Investementfonds Perella Weinberg Partners. |
| Weiterverkauf | 2015 | Weiterverkauf an den Berliener Projektentwickler pwr development. |
| Baubeginn Neubauquartier | 2019 | Baubeginn des Projekts 'Am Tacheles'. |
| Fertigstellung | 2023 | Abschluss des Neubaukomplexes mit integrierten Fassadenfragmenten. |
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