Prenzlauer Berg: der Bezirk, der am gründlichsten ausgetauscht wurde
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Prenzlauer Berg: Der Bezirk, Der Am Gründlichsten Ausgetauscht Wurde
Wer heute durch die Kastanienallee läuft, sieht Biomärkte, fair gehandelten Kaffee und Kinderwagen, die wie Kolonnen durch die sanierten Altbauten rollen. Das war nicht immer so. Prenzlauer Berg wurde zwischen 1995 und 2010 zum Bezirk, der am gründlichsten ausgetauscht wurde. Kein anderer Ort in Berlin erlebte einen radikaleren Bevölkerungs- und Fassadenaustausch. Über 50 Prozent der Vorkriegsbevölkerung zog weg. Sanierte Eigentumswohnungen ersetzten Kohleöfen. Die Mieten stiegen von etwa 5 bis 8 DM pro Quadratmeter kalt im Jahr 1995 auf 18 bis 25 Euro pro Quadratmeter kalt im Jahr 2025. Wer die Narben dieser Transformation lesen will, findet sie noch. Aber nur, wenn man weiß, wo man suchen muss.
Prenzlauer Berg Sanierung 90er: Was Verschwand Und Was Blieb
Die Sanierungswelle begann großflächig 1994 und 1995, angetrieben durch steuerliche Sonderabschreibungen. Ganze Straßenzüge wurden entkernt, Fassaden neu gefliest und Stuckreparaturen durchgeführt. Die Husemannstraße war zu Beginn der 1990er noch ein Ort unsanierter Altbauten mit Kohleöfen und billigen Mieten. Heute ist sie eine Museumsstraße mit Kneipen und Läden, vollständig saniert. Sanierte Altbauten erkennen Sie an gefliesten Fassaden, neuen Balkonen und Dachgeschossausbau. Unsanierte Altbauten, die selten geworden sind, erkennt man an abblätternder Farbe, originalen Kastenfenstern und vereinzelt sogar Einschusslöchern aus dem Jahr 1945. Suchen Sie danach in der Christinenstraße oder der Choriner Straße.
Verschwundene Hausbesetzer-Häuser
Die Besetzerhäuser der 1990er sind fast alle Neubauten oder sanierten Wohnungen gewichen. Konkrete Adressen: Kastanienallee 86 wurde 1993 geräumt, heute steht dort ein saniertes Wohnhaus. Die Schönhauser Allee 20, einst besetzt, ist heute saniert und beherbergt Gewerbe. Die Fehrbelliner Straße 92 wurde ebenfalls geräumt und vollständig saniert. Der Wasserturm Prenzlauer Berg in der Knaackstraße 23 diente in den 1990ern als besetztes Haus mit Technopartys und illegaler Bar. Heute sind dort sanierte Eigentumswohnungen untergebracht. Kein öffentlicher Zugang mehr.
Was Überlebte
Die Prater Gaststätte in der Kastanienallee 7-9, seit 1837 als Ausflugsgaststätte betrieben, überlebte als Biergarten und Veranstaltungsort der Volksbühne. Der Dunckerclub in der Dunckerstraße 64 eröffnete 1995 und besteht bis heute als Live-Musik-Club. Die Kulturbrauerei in der Schönhauser Allee 36 wandelte sich von der Schultheiss-Brauerei (Nutzung bis 1967) zum Kulturzentrum in den 1990ern und überlebte als ganzer Komplex.
Kulturbrauerei Berlin: Vom Brauereihof Zum Kulturzentrum
Die Kulturbrauerei an der Schönhauser Allee 36 ist das Paradebeispiel für einen überlebenden Ort der 1990er. Bis 1967 produzierte hier Schultheiss Bier, dann standen die Höfe jahrelang leer. Ab den 1990ern wurde der Komplex zum Kulturzentrum mit Clubs, Kino und Theater. Der Franz-Club, später Kesselhaus genannt, war einer der prägenden Techno-Clubs des Bezirks. Heute sind die Höfe durchgängig saniert, aber die industrielle Backsteinarchitektur ist erhalten. Besuchen Sie das angeschlossene Museum für DDR-Alltag. Es zeigt die Lebensrealität der 1980er, ein scharfer Kontrast zur späteren Sanierungswelle. Die Höfe der Kulturbrauerei sind öffentlich zugänglich und kostenfrei. Starten Sie hier, bevor Sie zu den anderen Orten aufbrechen.
Konnopkes Currywurst: Unverrückbar Unter Der Hochbahn
Direkt unter der Hochbahn am U Eberswalder Straße steht Konnopkes Currywurst. Seit den 1990ern ist dieser Imbiss ein Wallfahrtsort für Ostberliner und Westbesucher. Die Hochbahn rattert alle paar Minuten über den Stand hinweg. Genau dieser Sound ist der Beweis, dass hier nichts der Sanierungswelle zum Opfer fiel. Konnopkes hat überlebt, während die Biertrinker-Keller und Schnapsbuden um die Ecke verschwanden. Bestellen Sie eine Currywurst mit Pommes und ein Sternburg Bier vom Kiosk. Das ist die nächtliche Tankstelle, die schon die frühe Szene am Leben hielt. Die Adresse ist unverändert. Die Wurst ist die gleiche. Das ist der Punkt.
Mauerpark Prenzlauer Berg: Vom Todesstreifen Zur Sonntagsbühne
Der Mauerpark an der Gleimstraße 55 ist der Ort, an dem der Todesstreifen zur Sonntagsbühne wurde. Vor 1989 war die Fläche ein Todesstreifen und Güterbahnhof der Nordbahn. Nach dem Mauerfall vom 9. November 1989 lag das Gelände jahrelang brach. 1994 begann der erste Sonntagsflohmarkt, und die öffentliche Grünfläche des Bezirks Prenzlauer Berg entstand. Ein etwa 300 Meter langer Abschnitt der Hinterlandmauer im Originalstandort an der Gleimstraße Ecke Schwedter Straße blieb erhalten. Seit 2009 gibt es die Karaoke im Mauerpark am sogenannten Karaoke-Trichter, eine direkte Nachfolgenutzung der Brache, die aus dem Nichts eine Bühne schuf. Die legale Sprayerwand an der Hinterlandmauer ist heute ein Hotspot für Graffiti-Künstler. Kommen Sie sonntags ab 10 Uhr, wenn der Flohmarkt läuft. Rechnen Sie mit Menschenmassen. Der Mauerpark ist kein versteckter Ort mehr. Aber seine Transformation ist lesbar, wenn man die Jahreszahlen kennt.