Neukölln: der Bezirk, den die Neunziger ausgelassen haben

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Neukölln: Der Bezirk, Den Die Neunziger Ausgelassen Haben

Es ist kurz nach Mitternacht an der Weserstraße. Vor der Bar „Syndikat“ rauchen dreißig Leute, trinken Bier aus der Flasche, unterhalten sich auf Englisch, Spanisch und Berlinerisch. Drinnen läuft House. Draußen fährt kein Auto. Vor zwanzig Jahren hörte man um diese Zeit hier nichts als die Stille einer Arbeitersiedlung, unterbrochen vom Lärm eines einsamen LKW auf der Sonnenallee. Neukölln ist der Bezirk, den die Neunziger ausgelassen haben. Während sich in Friedrichshain Hausbesetzer in Hinterhäuser zwängten und in Kreuzberg die Myfest-Kultur aus dem Bürgersteig wuchs, blieb Neukölln eine echte Arbeiter- und Migrantenhochburg. Kein Technokeller, keine Kulturbrache, nicht der Rauch einer einzigen Raucherkneipe, in dem später eine Szene hätte reifen können.

Neukölln Nachwendezeit: Warum Hier Nichts Passierte

Die Nachwendezeit in Neukölln war eine Phase der Stille, nicht des Aufbruchs. Während an anderen Stellen der Stadt die Berliner Club- und Subkulturszene explodierte, fehlte in Neukölln schlicht das Basismaterial. Die Deindustrialisierung hatte entlang des Neuköllner Schifffahrtskanals und im Industriegebiet Nobelstraße Betriebe geschlossen, aber anders als in Friedrichshain oder Treptow wurden die leerstehenden Hallen nicht von Zwischennutzern besetzt. Die Kindl-Brauerei am Rollberg, deren Betrieb in den Neunzigern rückläufig war, schloss endgültig erst 2005. Kein einziger Technoclub mit überregionaler Sogwirkung entstand in diesem Jahrzehnt im Bezirk. Die Loveparade fuhr über den Kurfürstendamm, nicht durch Neukölln. Besetzte Häuser gab es hier nicht in der Größenordnung wie in Mitte oder Prenzlauer Berg. Die Bevölkerungsentwicklung der Neunziger zeigte einen klaren Rückgang: Menschen zogen aus der heruntergekommenen Altbausubstanz in die Gropiusstadt oder ins Umland, und wer statushöher war, zog gar nicht erst zu. Neukölln war kein Ort für Experimente, sondern fürs Durchhalten.

Neukolln Berlin street
Singlespeedfahrer , CC0 via Wikimedia Commons

Neukölln Entwicklung 2000er: Der Kipppunkt

Der Preisvorteil Zieht Die Ersten An

Die Neukölln Entwicklung 2000er begann nicht mit einem Plan der öffentlichen Hand, sondern mit einem Preisgefälle. Während die Sanierungsgebiete in Prenzlauer Berg ab 1993 die Mietsteigerungen in Gang gesetzt hatten und die Spandauer Vorstadt in Mitte mit Investorengeldern überformt wurde, hatte Nord-Neukölln keinen einzigen großflächigen Abriss oder Neubau erlebt. Die Altbauten standen leer, die Mieten waren niedrig. Die S-Bahn Neukölln brachte einen in 15 Minuten zum Hermannplatz.

Die Ersten Bars Und Ateliers Kommen

Etwa zwischen 2005 und 2008 geschah der entscheidende Schritt: Die ersten Bars, Ateliers und Galerien aus Kreuzberg schwappten über die Kottbusser Brücke nach Nord-Neukölln. Die Weserstraße, bis dahin eine unauffällige Wohnstraße, bekam die ersten Späti-Kneipen, die abends geöffnet hatten. Die Boddinstraße wurde zur Scharnierachse.

Tempelhof Schließt

2008 schloss der Flughafen Tempelhof für den Zivilflugbetrieb, und mit einem Schlag lag eine riesige Brache direkt vor der Haustür. Neukölln hatte etwas bekommen, was kein anderer Bezirk bieten konnte: eine leere Fläche in Stadtmitte, die niemandem gehörte.

Schillerkiez Berlin: Der Kiez Der Späten Ankunft

Der Schillerkiez Berlin ist heute das exemplarische Beispiel für das, was aus dem ehemals verschlafenen Nord-Neukölln geworden ist. Zwischen Hermannplatz und der Sonnenallee gelegen, bietet dieser Kiez eine Mischung aus türkischen Supermärkten, Altbau-Fassaden mit verwitterten Stuckelementen und einer Handvoll Bars, die nach zwölf Jahren noch immer nicht an die Preise von Kreuzberg heranreichen. Sie finden hier Döner Kebab für 5 Euro, einen Späti, der bis drei Uhr morgens Bier ausgibt, und eine Raucherkneipe, in der die Stammgäste seit den Neunzigern am Tresen stehen. Was Sie nicht finden: einen einzigen Technokeller aus der Gründungszeit. Der Schillerkiez hatte keinen Club in den Neunzigern. Jede Bar hier ist ein Produkt der 2010er Jahre, nicht des Jahrzehnts davor. Wer nach den Spuren der frühen Subkultur sucht, sucht hier am falschen Ort.

Weserstraße Bars: Wo Die Nacht Beginnt

Die Weserstraße Bars sind die Lebensader des Viertels, aber sie lügen nicht über ihre eigene Geschichte. Die Straße ist gesäumt von zwanzig bis dreißig Lokalen: Cocktailbars, die aus ehemaligen Eckkneipen entstanden sind, ein griechisches Restaurant, ein vietnamesischer Imbiss, ein Club namens „About Blank“, der tatsächlich in einer ehemaligen Fabrikhalle sitzt. An Wochenenden ist die Straße ab 22 Uhr voll. Die Leute stehen auf dem Bürgersteig, weil die Kneipen zu klein sind. Aber kein einziger dieser Orte war in den Neunzigern ein Club. Keiner wurde besetzt, keiner war ein Techno-Tempel. Die Weserstraße ist das Ergebnis eines Zuzugs, der ab 2007 einsetzte, als Kreative und Studierende aus bereits gentrifizierten Bezirken wie Mitte und Prenzlauer Berg hierher zogen, weil der Leerstand in Altbauten billige Mieten bot. Die Mietsteigerung kam dann automatisch, nicht als politisches Projekt, sondern als Marktlogik.

Tempelhofer Feld Neukölln: Die Neue Mitte

Das Tempelhofer Feld Neukölln ist der eigentliche Gewinn für den Bezirk und die präzise Antwort auf die Frage, warum Neukölln heute funktioniert. Der Flughafen Tempelhof war in den Neunzigern ununterbrochen aktiv: ein innerstädtischer Verkehrsflughafen mit abnehmenden Passagierzahlen, bis die Stilllegungsentscheidung 1996 fiel. Als die letzte zivile Maschine am 30. Oktober 2008 startete, wurde die Start- und Landebahn zum Rollfeld für Skater und Gärtner. Das Tempelhofer Feld ist eine Nachwende-Brache ersten Ranges, direkt an Neukölln angrenzend. Betreten Sie es entweder durch den Eingang am Columbiadamm 10 oder am Tempelhofer Damm 1. Es ist flach, weit, windig, und es zeigt, wie Berlin in den Neunzigern aussah: eine leere Fläche, auf der man tun konnte, was man wollte. Skater haben hier ihre Lines, Gärtner ihre Beete. An Sonntagen liegen tausend Menschen auf dem Rasen. Das Feld ist der Ort, an dem Neukölln das bekam, was die Neunziger nicht gaben: Raum.

Berlin Neukolln architecture
Singlespeedfahrer , CC0 via Wikimedia Commons

Was Neukölln Schlecht Kann

Neukölln ist schlecht in drei Dingen. Erstens: Orientierung. Anders als die Ringbahn, die den Bezirk mit der Stadt verbindet, liegt das Zentrum des Bezirks geografisch schief. Die Karl-Marx-Straße, die Hauptgeschäftsstraße mit Gründerzeit- und Nachkriegsbebauung, endet am Hermannplatz, aber das Leben der Bars und Ateliers spielt sich einen Kilomter östlich ab. Zweitens: Altbaucharme ohne Sanierung. Die Fassaden sind schön, aber die Höfe sind schmutzig, die Treppenhäuser riechen nach Putzmittel und altem Holz, und die Wohnungen haben oft keine Aufzüge. Drittens: Nachtleben für Nostalgiker. Wer die verbliebenen Originalorte der frühen Technoszene sucht, findet sie nicht hier. Der SchwuZ zog erst 2013 nach Neukölln. Das Kindl-Zentrum für zeitgenössische Kunst öffnete 2016. Beide sind Produkte der 2010er Jahre. Neukölln hat die Neunziger verpasst, und das merkt man.

Praktische Hinweise Für Den Besuch

Anreise: Vom Flughafen BER mit der S-Bahn S9 oder S45 zum Hermannplatz, etwa 30 Minutten, Einzelfahrschein rund 4,00 Euro. Die VBB-Umweltkarte Zone AB kostet etwa 9,50 Euro pro Tag (Stand 2024, der Verlag aktualisiert den Preis jährlich). Neukölln liegt an der Ringbahn, Station S-Bahn Neukölln, und an der U-Bahn-Linie U7 mit den Stationen Hermannplatz, Rathaus Neukölln und Boddinstraße. Besucher, die das Tempelhofer Feld von der Neuköllner Seite aus betreten wollen, nehmen den Bus M41 vom Hermannplatz bis zum Columbiadamm.

Wo Das Jahrzehnt Lebt: Zwei Empfehlungen

Für den Besucher, der die Spur der Neunziger in Neukölln trotzdem finden will, gibt es zwei konkrete Adressen:

  • Tempelhofer Feld, Eingang Columbiadamm 10: Gehen Sie um 18 Uhr an einem Wochentag dorthin. Das Licht fällt flach, die Skater sind da, die Gärtner gießen ihre Beete. Hier ist die Brache physisch erfahrbar, und sie ist größer als jeder Club, den die Neunziger je hatten.
  • S-Bahn Neukölln, Ausgang Richtung Weserstraße: Steigen Sie ab 22 Uhr aus. Gehen Sie die Weserstraße Richtung Süden. Die ersten drei Kneipen links und rechts sind die, in denen seit 2008 getrunken wird. Sie sind nicht historisch, aber sie sind der einzige Beweis dafür, dass der Bezirk sich verändert hat.

Common Questions

Warum hatte Neukölln keinen Technoclub in den Neunzigern?

Neukölln hatte keine Besetzerdynamik, keine leerstehenden Industrieareale, die von Zwischennutzern bespielt wurden, und keine Hausbesetzerkämpfe. Die Stadtteilökonomie war auf Arbeiter und Migranten ausgerichtet, nicht auf eine Subkultur mit finanziellen Risiken.

Wann änderte sich die Situation in Neukölln?

Die ersten Bars und Ateliers aus Kreuzberg kamen etwa 2005 bis 2008 nach Nord-Neukölln. Die Schließung des Flughafens Tempelhof am 30. Oktober 2008 gab dem Bezirk zusätzlich eine riesige Brachfläche.

Gibt es in Neukölln heute noch Spuren der Neunziger?

Die Bausubstanz ist unverändert, die Clubkultur fehlt. Die Altbauten, die Karl-Marx-Straße und die Sonnenallee sind baulich unverändert. Kein einziger Technoclub oder besetzter Kulturort der Neunziger ist erhalten.

Was ist der Schillerkiez?

Ein Wohnkiez zwischen Hermannplatz und Sonnenallee mit Altbauten, türkischen Läden und Bars aus den 2010er Jahren. Er hatte keine Neunziger-Clubs, aber niedrige Mieten zogen ab 2007 Kreative an.

Wie komme ich zum Tempelhofer Feld von Neukölln?

Vom Hermannplatz mit dem Bus M41 bis zur Haltestelle Columbiadamm. Der Eingang liegt am Columbiadamm 10. Fußweg vom S-Bahnhof Neukölln etwa 20 Minutten.

Ist Neukölln heute gentrifiziert?

Nord-Neukölln erlebte ab etwa 2007 bis 2011 einen Aufwertungsdruck mit Zuzug von Kreativen und Studierenden, der die Mietsteigerung in Gang setzte. Der Bezirk ist nicht so teuer wie Mitte oder Prenzlauer Berg, aber die Preise sind gestiegen.

Lohnt sich ein Besuch im Kindl-Zentrum?

Ja, wenn Sie zeitgenössische Kunst sehen wollen. Das Zentrum öffnete 2016 auf dem ehemaligen Brauereigelände in der Rollbergstraße 26, wo auch der SchwuZ seit 2013 sitzt. Die Neunziger hat das Areal nicht erlebt.