Ostgut: der Club vor dem Berghain und warum das für Berlin wichtig ist
Das Ostgut am Ostbahnhof war der Vorgänger des Berghain. Wo der Club stand, warum er 2003 abgerissen wurde und was heute an der Stelle zu sehen ist.
Ostgut: Der Club Vor Dem Berghain Und Warum Das Für Berlin Wichtig Ist
Am 5. Januar 2003, kurz vor Mitternacht, standen mehrere tausend Menschen vor einer Reichsbahn-Reparaturhalle an der Straße der Pariser Kommune. Drinnen lief die letzte Party: „Ostgut, Die Letzte“. Eine Woche später war die Halle ein Abrissgrundstück. Das war das Ende des Ostgut. Der Club definierte die Berliner Technoszene der 1990er Jahre. Seine DNA wanderte direkt ins Berghain. Die Geschichte des Ostgut ist die Geschichte einer Brache, eines Bunkers, einer Partyreihe namens Snax und eines Umzugs, der die Clubkultur Berlins für die nächsten zwei Jahrzehnte prägte.
Ostgut Berlin Geschichte: Die Gründung 1998
1998 eröffneten Michael Teufele und Norbert Thormann das Ostgut in einer ehemaligen Reichsbahn-Reparaturhalle an der Straße der Pariser Kommune, direkt am Gleisdreieck auf dem Gelände des alten Wriezener Bahnhofs. Berlin war ein Provisorium. Die Mauer seit neun Jahren weg. Die Stadt voller Lücken. Die Halle stand auf einer Brache, umgeben von Schrottgleisen und vernachlässigten Hinterhöfen. Dieser rohe Zustand machte den Ort für die Technoszene attraktiv.
Das Ostgut war kein Club im heutigen Sinne. Keine ausgeleuchteten Bars, keine abgetrennten VIP-Bereiche. Der Darkroom war ein dunkler Raum in der Halle. Die DJ-Sets liefen zwölf Stunden. Die Türpolitik war streng, aber nicht die ritualisierte Selektion des späteren Berghain. Die Betreiber kannten die Gäste oder ließen sich von der Szene bürgen. Wer reinkam, blieb drin. Die Partys dauerten von Samstagabend bis Montagmittag.
Snax-Partys: Die Wurzel Des Ostgut
Die Partyreihe Snax existierte bereits seit 1994 in verschiedenen Locations, bevor sie im Ostgut ihr dauerhaftes Zuhause fand. Snax war eine der ersten regelmäßigen Techno- und Sexparty-Reihen Berlins, die offen schwule, trans- und queere Räume mit Clubmusik verband. Die Snax-Partys zogen ein Publikum an, das sich in den kommerziellen Clubs der 1990er nicht wohlfühlte. Subkultur, nicht Mainstream.
Die Darkrooms waren voll, die Musik hart, die Gäste kamen aus ganz Europa. Diese Partyreihe etablierte den Ruf des Ostgut als Ort der sexuellen Befreiung innerhalb der Technoszene. Ohne die Snax-Partys hätte das Ostgut nicht die Anziehungskraft entwickelt, die später das Berghain übernahm.
Ostgut-Ton: Das Label Entsteht
Aus dem Club heraus gründeten die Betreiber und ein Kreis von DJs das Label Ostgut-Ton. Es veröffentlichte die Musik, die im Club gespielt wurde: minimalistische, treibende Techno-Tracks, zugeschnitten auf die langen Sets. Das Label existiert bis heute. Es ist eines der wenigen physischen Überbleibsel des ursprünglichen Clubs. Die Katalognummern der frühen Veröffentlichungen sind Sammlerstücke. Der Sound des Ostgut lebt auf Vinyl weiter, während die Halle selbst verschwunden ist.
Berghain Vorgängerclub: Der Abriss 2003
Am 6. Januar 2003 war das Ostgut endgültig geschlossen. Grund war der Bau der O2 World, die heute Uber Arena heißt. Die Halle musste einem Parkplatz und einer Zufahrtsstraße weichen. Der Abriss ging schnell. Die Brache wurde asphaltiert. Was heute an der Stelle des Ostgut zu sehen ist: Asphalt und eine Gedenktafel. Die Adresse, Straße der Pariser Kommune, Ecke Mühlendamm, ist ein Parkplatz für Besucher der Uber Arena. Wer das Gelände betritt, steht auf dem Boden, auf dem zehntausend Menschen getanzt haben. Und sieht Beton und Poller.
Der Abriss des Ostgut war kein Einzelfall. Die 1990er Jahre in Berlin waren eine Dekade der permanenten Verdrängung. Clubs, besetzte Häuser, wilde Projekte verschwanden, sobald das Bauland wertvoll wurde. Das Ostgut war der prominenteste Fall im Friedrichshain der frühen 2000er.
Ostgut Ostbahnhof: Was Heute Zu Sehen Ist
Wer das Gelände am ehemaligen Ostbahnhof sucht, findet eine leere Fläche. Kein Gebäude, keine Ruine, keine Mauerreste. Suchen Sie die Gedenktafel. Sie hängt an einem Zaun neben dem Parkplatz, klein und unauffällig. Leicht zu übersehen. Wer sie findet, steht an der exakten Stelle der ehemaligen Halle. Von der Brache, die das Ostgut umgab, ist nichts geblieben. Die Uber Arena und das angrenzende Einkaufszentrum haben das Areal vollständig überbaut. Die Gleise des ehemaligen Wriezener Bahnhofs sind verschwunden. Der einzige Hinweis auf die Clubgeschichte ist die Tafel und die Erinnerung derer, die dort waren.
Techno-Club Berlin 1990er: Der Umzug an Den Wriezener Bahnhof
Nach dem Abriss suchten die Betreiber Michael Teufele und Norbert Thormann einen neuen Ort. Sie fanden ihn fünf Kilometer entfernt in einem stillgelegten Heizkraftwerk in Friedrichshain. Das Gebäude war zwischen 1953 und 1955 unter Leitung des Architekten Hans Kollhoff errichtet worden. 1988 wurde das Kraftwerk stillgelegt. Seitdem stand es leer. Eine weitere Berliner Brache, diesmal aus Stahlbeton und Industrieglas.
Die Eröffnung Des Berghain
Am 18. Dezember 2004 eröffnete der neue Club. Sein Name: Berghain, ein Kofferwort aus Berlin und Friedrichshain. Im Obergeschoss öffnete gleichzeitig die Panorama Bar. Die erste Techno-Party im Heizkraftwerk war die Ostgut-Clubnacht. Der Umzug war geglückt. Der Vorgängerclub Ostgut lebte im Berghain weiter: in der Türpolitik, im Sound, in der Härte des Raums.
Was Sie Vor Der Tür Erwartet
Das Berghain ist kein Museum. Es gibt keine Besichtigungen. Stellen Sie sich an der Tür an. Die Türpolitik ist das direkte Erbe des Ostgut: streng, szenebasiert, undurchschaubar. Ein Relikt der 1990er Jahre, das in die Gegenwart ragt. Kommen Sie nicht in Gruppen, nicht betrunken, nicht als Tourist erkennbar. Die Selekteure erkennen den Unterschied in einer Sekunde.
Warum Diese Geschichte Für Berlin Wichtig Ist
Die Geschichte des Ostgut ist nicht nur Clubgeschichte. Sie ist Stadtgeschichte. Sie zeigt, wie Berlin nach dem Mauerfall funktionierte: ein riesiges, rohes Provisorium. Eine Reichsbahn-Reparaturhalle am Ostbahnhof wurde zum Zentrum einer weltweiten Subkultur. Die Brache war der Rohstoff. Der Abriss war die Logik des Immobilienmarkts. Der Umzug an den Wriezener Bahnhof war die Rettung einer Szene, die sich weigerte zu sterben.
Die berühmte „wilde Zeit" finden Sie heute nicht mehr flächendeckend. Sie ist punktuell. Das Berghain ist einer dieser Punkte. Die leere Fläche am Ostbahnhof ist ein anderer. Beide gehören zusammen. Ohne das Ostgut gäbe es das Berghain nicht. Ohne die Snax-Partys gäbe es die queere Clubkultur Berlins nicht in ihrer heutigen Form. Ohne den Abriss wäre die Uber Arena nicht gebaut worden. Diese Kette von Ereignissen ist das Berlin der 1990er Jahre in einem einzigen Clubleben.
Praktische Hinweise Für Die Spurensuche
Planen Sie mindestens drei Tage in Berlin ein. An einem Tag sehen Sie nur die Uber Arena und ein Clubfoto. Nach drei Tagen haben Sie die räumlichen Zusammenhänge der Transformation der 1990er begriffen.
Beste Reisezeit
Mai bis September. Angenehmes Wetter für lange Spaziergänge entlang ehemaliger Grenzstreifen und Brachen. Meiden Sie November: Nieselregen und Nebel machen die Brachflächen schwer lesbar. Meiden Sie auch die ITB-Messe im März, die Hotelpreise explodieren dann. Der 1. Mai bringt Krawalltourismus nach Kreuzberg, der die historische Perspektive überlagert.
Anreise und Fortbewegung
Flughafen Berlin Brandenburg (BER). Nehmen Sie die S-Bahn S9 oder S45, in 30 bis 40 Minuten sind Sie im Zentrum. Ein Einzelfahrschein für den ABC-Bereich kostet etwa 4,40 Euro. Entwerten Sie die BVG-Fahrkarte vor Fahrtantritt. Der häufigste Fehler: Touristen verwechseln den Entwerter-Stempel mit einem Kaufbeleg und fahren mit ungestempeltem Ticket. Die Strafe beträgt 60 Euro.
Distrikte Für Die 1990er Spurensuche
Friedrichshain: RAW-Gelände und Reste der Clubmeile der 1990er. Kreuzberg SO36: ehemaliges Kiez- und Besetzerherz. Treptow: vergessene Uferbrachen. Schöneweide: späte Techno-Off-Locations. Die Distanzen zwischen diesen Orten werden massiv unterschätzt. Planen Sie pro Distrikt einen halben Tag. Nutzen Sie eine Offline-Karte mit historischen Overlays. Der Mobilfunk ist flächendeckend gut, aber in Clubs herrscht striktes Fotoverbot. Kameralinsen werden abgeklebt.
Was Schiefgeht
Nur Checkpoint Charlie und das Mauermuseum besuchen und denken, man habe die Transformation der 1990er verstanden. Der eigentliche Umbau fand kilometerweit entfernt statt: auf leeren Brachen, in Hinterhöfen, in abgerissenen Hallen. Das Ostgut-Gelände ist einer dieser Orte. Es liegt fünf Minuten vom Ostbahnhof entfernt. Die Gedenktafel ist klein. Sie finden sie nur, wenn Sie wissen, dass sie da ist.
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