Mayday und Tekknozid: die Raves neben der Loveparade im Berlin der 90er

Mayday und Tekknozid waren die Raves neben der Loveparade im Berlin der 90er: härter, dunkler, ostdeutsch geprägt – und heute fast vergessen.

rave 1990s
Denis Apel , CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Mayday Und Tekknozid Berlin: Die Raves Neben Der Loveparade in Den 90ern

1994 drängen 15.000 Tänzer in die Hallen am Messedamm, der Bass drückt gegen die Betonwände, und niemand hat eine Sperrstunde im Kopf. Mayday und Tekknozid Berlin waren keine Ableger der Loveparade, sondern eigenständige Raves, die eine ganze Generation prägten. Tekknozid startete 1990 in einer Halle am Weißen See und in Fabrikräumen Ost-Berlins. Mayday folgte 1991 in den Messehallen. Beide fanden statt, bevor die Loveparade zur Massenveranstaltung wurde. Wer heute die Spuren sucht, findet sie selten auf den ersten Blick. Die Orte stehen noch, aber sie sind umgenutzt, überbaut oder in glatten Neubauvierteln versteckt. Dieser Text führt Sie durch die genauen Hallen und Bezirke, nennt die Jahreszahlen und zeigt, was heute an diesen Orten zu sehen ist.

Was Machte Diese Raves Anders Als Clubs?

Ein Rave war kein Club. Es gab keine feste Infrastruktur, keine eingebauten Bars oder Sitzgelegenheiten. Die Veranstalter mieteten Industriehallen oder Fabrikräume für eine einzige Nacht. Der Eintritt lief über Vorverkauf oder Telefonansage, nicht über eine Tageskasse an der Tür. Die Dauer lag bei 12 bis 24 Stunden, ohne Sperrstunde. Viele dieser Veranstaltungen fanden illegal oder in einer rechtlichen Grauzone statt. Diese temporäre Nutzung leerer Brachen und Hallen war nur im Berlin der Nachwendezeit möglich: ein riesiges Provisorium, roh und unfertig. Die Stadt war voller Lücken, in die sich solche Projekte setzen konnten.

Mayday Berlin 1990er Rave

Von Den Messehallen Ins Velodrom

Mayday wurde 1991 von Low Spirit Recordings ins Leben gerufen. Die erste Location waren die Hallen am Messedamm 22 in Charlottenburg. Westbam, der damals zu den bekanntesten DJs Deutschlands gehörte, legte regelmäßig auf. Das Problem war die Größe: 1994 kamen etwa 15.000 Besucher in die Hallen, was zu Überfüllung und Sicherheitsbedenken wegen Massenandrang und Drogennotfällen führte. 1996 zog Mayday ins Velodrom in der Paul-Heyse-Straße 26 im Bezirk Prenzlauer Berg um. Die Radsporthalle fasst etwa 12.000 Personen und bot mehr Platz. Die letzte Mayday in Berlin fand 2013 statt, danach wurde die Veranstaltungsreihe in Dortmund fortgesetzt. Heute stehen beide Gebäude noch. Die Messehallen werden weiterhin für Messen und Kongresse genutzt. Das Velodrom dient als Sportstätte und Veranstaltungshalle. Sie können beide Gebäude von außen besichtigen; ein Eintritt ist nur bei Veranstaltungen möglich.

Anfahrt Zu Den Mayday-Orten Heute

Die Hallen am Messedamm erreichen Sie mit der S-Bahn bis S Messe Nord/ICC (Linie S41, S42, S46) oder mit der U-Bahn bis U Kaiserdamm (Linie U2). Von dort sind es etwa 5 Minuten zu Fuß. Das Velodrom liegt an der U-Bahn-Station U Eberswalder Straße (Linie U2) oder am S-Bahnhof S Landsberger Allee (Linien S41, S42, S8, S85). Von beiden Stationen gehen Sie etwa 10 Minuten.

Tekknozid Berlin Geschichte

Die Ersten Raves Im Osten

Tekknozid startete 1990, ein Jahr vor Mayday. Veranstalter waren Wolle XDP und Tanith. Die ersten Locations waren die Halle am Weißen See in Berlin Weißensee und Fabrikräume in Ost-Berlin. Der Name spielte auf die Flächenräumungen der besetzten Häuser an, die 1990 das Stadtbild prägten, die Räumung der Mainzer Straße am 14. November 1990 war ein Schlüsselereignis. Tekknozid endete 1994. Die genauen Daten sind nicht mehr für jeden Ort dokumentiert; die Universität der Künste Berlin bewahrt einige Flyer der Szene auf. Heute ist von der Halle am Weißen See nicht mehr viel zu sehen. Die ehemalige Industriehalle wird teils gewerblich genutzt, teils steht sie für kulturelle Zwischennutzung offen. Eine Besichtigung von innen ist ohne Veranstaltung kaum möglich.

Anfahrt Zum Weißen See

Die Halle liegt im Bezirk Pankow, Ortsteil Weißensee. Sie erreichen den Weißen See mit der Straßenbahnlinie M2 oder M13 bis Haltestelle Albertinenstraße oder mit dem Bus bis Am Weißen See. Vom S-Bahnhof S Greifswalder Straße (Linie S41, S42, S8, S85) fahren Sie etwa 15 Minuten mit dem Bus.

Loveparade Alternative Berlin

Die Loveparade startete 1989 als politische Demonstration, angemeldet von Dr. Motte und Danielle de Picciotto. In den 1990ern zog sie von der Route Kurfürstendamm zur Straße des 17. Juni im Tiergarten. Der Besucherrekord in Berlin lag 1999 bei etwa 1,5 Millionen Menschen. 2006 fand die letzte Loveparade in Berlin statt. Für Besucher, die kein Interesse an einer Million Menschen auf einer Straße hatten, boten Mayday und Tekknozid eine Alternative: kleinere, intimere Raves in Hallen, nicht auf offener Straße. Die Flyer-Szene und die Kassettenkultur, Mixkassetten, die auf den Raves verteilt wurden, prägten diese Parallelwelt. Wo die Loveparade auf Massen setzte, blieben die Raves bei temporären Veranstaltungsorten und einer festen Zahl an Besuchern.

Bunker Albrechtstrasse Raves

Der Bunker in der Albrechtstraße in Mitte war einer der Orte, an denen die Subkultur Ost auf die rohen Räume der Nachwendezeit traf. Der ehemalige Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg wurde in den 1990ern für illegale und halblegale Raves genutzt. Die genauen Jahreszahlen der Raves dort sind nicht vollständig dokumentiert. Heute steht der Bunker noch. Er liegt nahe dem S-Bahnhof Friedrichstraße. Eine Besichtigung von innen ist nicht öffentlich möglich. Das Gebäude wird gewerblich genutzt. Die Umgebung ist heute dicht bebaut, wo früher Brachen lagen. Nur die Fassade erinnert an die Nutzung als Partylocation.

E-Werk Berlin Techno Veranstaltungen

Das E-Werk in der Mauerstraße in Mitte war kein temporärer Rave, sondern ein fester Club, aber es gehört untrennbar zur 90er-Jahre-Techno-Geschichte. Es öffnete 1991 in einem ehemaligen Umspannwerk. Tresor in der Leipziger Straße war ein weiterer Fixpunkt. Beide waren Austragungsorte für Veranstaltungen, die sich zwischen Rave und Clubkultur bewegten. Heute ist das E-Werk nicht mehr als Club aktiv. Das Gebäude in der Mauerstraße wird anderweitig genutzt. Eine Besichtigung ist von außen möglich. Der Tresor zog 1991 in die Leipziger Straße und später an einen anderen Standort um. Die ursprüngliche Location in der Leipziger Straße ist heute ein Parkplatz.

Die Rave Orte Heute: Was Steht Noch, Was Ist Weg?

Fünf Orte, Die Geblieben Sind

Fünf Orte aus der Rave-Ära stehen heute noch. Die Hallen am Messedamm 22 in Charlottenburg werden weiterhin für Messen genutzt. Das Velodrom in der Paul-Heyse-Straße 26 dient als Sport- und Veranstaltungshalle. Die ehemalige Halle am Weißen See in Weißensee ist teils Gewerbe, teils kulturelle Zwischennutzung, aber nicht öffentlich zugänglich. Der Bunker in der Albrechtstraße steht, ist aber nicht zu besichtigen. Das E-Werk in der Mauerstraße existiert, aber nicht als Club.

Was Verschwunden Ist

Alle anderen Orte der Rave-Szene der 90er sind komplett verschwunden. Der Potsdamer Platz, einst eine innerstädtische Brachfläche, wurde ab 1994 bebaut und 1998 eröffnet. Der Spreebogen zwischen Hauptbahnhof und Regierungsviertel ist zugebaut. Die Brachen, auf denen die Raves stattfanden, sind heute Neubauviertel. Besucher, die diese Orte auf einer Karte suchen, sehen nur gesichtslose Neubauten und Baustellen. Die wilde Zeit ist nicht mehr flächendeckend spürbar, sondern nur punktuell an den verbliebenen Bauwerken ablesbar.

Praktische Tipps Für Die Spurensuche

Zeitplan Und Fortbewegung

Planen Sie mindestens drei Tage für diese Tour ein. Die Distanzen zwischen den verstreuten 90er-Relikten werden massiv unterschätzt. Von den Hallen in Charlottenburg zum Velodrom in Prenzlauer Berg brauchen Sie mit der U-Bahn etwa 30 Minuten. Vom Velodrom zum Weißen See fahren Sie weitere 20 Minuten mit der Straßenbahn. Eine BVG-Fahrkarte für den Innenbereich kostet 3,40 Euro (Stand 2026, die BVG veröffentlicht die jeweils gültigen Tarife auf ihrer Website). Kaufen Sie das Ticket vor Fahrtantritt und entwerten Sie es am Bahnsteig. Häufiger Stolperstein: Touristen verwechseln den Entwerter-Stempel mit einem Kaufbeleg und fahren mit ungestempeltem Ticket, was ein erhöhtes Beförderungsentgeld von 60 Euro kostet.

Beste Reisezeit

Die Monate Mai bis September sind die beste Reisezeit. Dann können Sie die Wege zwischen den Stationen als Spaziergänge nutzen. Meiden Sie die ITB-Messe im März, weil dann die Hotelpreise extrem steigen. Vermeiden Sie den 1. Mai, weil der Krawalltourismus in Kreuzberg die historische Perspektive überlagert. Im November ist das Wetter oft trüb, was die Brachflächen-Romantik schwer lesbar macht.

Was Sie Nicht Tun Sollten

Die Falsche Route

Der häufigste Fehler ist es, nur Checkpoint Charlie und das Mauermuseum zu besuchen und zu denken, man habe die 90er-Jahre-Transformation verstanden. Der eigentliche Umbau fand kilometerweit entfernt auf leeren Brachen und in Hinterhöfen statt. Besuchen Sie stattdessen die East Side Gallery an der Mühlenstraße (1.316 Meter Mauerrest), die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße (200 Meter Mauerrest) und das RAW-Gelände in Friedrichshain. Das RAW-Gelände war eine besetzte Reichsbahnbrache und ist heute ein Kulturstandort.

Orte Mit Zugangsregeln

Das YAAM, ein Club und eine Strandbar, ist ein verlagerter 90er-Jahre-Ort. Der Spreepark in Treptow (Kiehnwerderallee 1-3, geschlossen 2001) ist nur mit einer Führung zugänglich, die Sie vorab buchen müssen. Der Teufelsberg, eine Abhörstation auf einem Trümmerberg, ist ebenfalls nur mit Führung zu besichtigen. Beide Führungen müssen Sie Tage vorher online reservieren. Eine Besichtigung des Berghain, Nachfolgebau des Ostgut mit 90er-Club-DNA, ist nicht möglich. Die Türpolitik ist für Unvorbereitete unüberwindbar und ein Relikt der 90er-Szene. In Clubs herrscht striktes Fotoverbot: Kameralinsen werden abgeklebt.

Essen Und Trinken Auf Der Route

Die Schnellimbiss-Ost-Kultur mit Bouletten und Soljanka ist ein Relikt der Übergangszeit und an Imbissständen in Prenzlauer Berg und Friedrichshain zu finden. Der Döner Kebab in Kreuzberg war das Boomgericht der 90er Jahre. Clubgastronomie im Berghain bietet eine Eisbar und Bananen. Improvisierte Biergärten auf Brachen gibt es heute noch am Holzmarkt. Die Spätkauf-Bierkultur ist ein Erbe der illegalen 90er-Trinkorte. Praktisch: Ein Spätkauf hat in Berlin bis Mitternacht geöffnet und verkauft Bier zum Mitnehmen. Das ist die günstigste Verpflegung auf der Route.

Rave Orte Im Berlin Der 90er Jahre Und Ihr Heutiger Zustand
Rave / VeranstaltungsortZeitraumAdresse HeuteHeutiger Zustand
Mayday in den Messehallen1991 1996Messedamm 22, 14055 BerlinIn Betrieb als Messehalle, Besichtigung von außen
Mayday im Velodrom1996 2013Paul-Heyse-Straße 26, 10407 BerlinIn Betrieb als Sportstätte, Besichtigung von außen
Tekknozid Halle Weissensee1990 1994Am Weißen See, Berlin WeißenseeGewerbe und kulturelle Zwischennutzung, nicht öffentlich
Bunker AlbrechtstrasseFrühe 1990erAlbrechtstraße, 10117 BerlinGewerblich genutzt, nicht öffentlich
E-Werk Mauerstrasse1991 ca. 1997Mauerstraße, 10117 BerlinAnderweitig genutzt, Besichtigung von außen