Die Berlin Filme der 90er Sonnenallee, Lola rennt und Berlin Babylon

Sonnenallee, Lola rennt und Berlin Babylon zeigen das Berlin der 90er Jahre. Welche Drehorte der Filme sind heute noch zu besuchen?

Berlin film 1990s
Matthias Leupold , CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

Berlin Filme Der 90er: Wo Die Stadt Noch Roh War

Die drei Berlin-Filme, die das Nachwende-Chaos am härtesten dokumentieren, sind Sonnenallee (1999), Lola rennt (1998) und Berlin Babylon (2001). Sie zeigen nicht das polierte Berlin der Reiseführer. Sie zeigen eine Stadt aus Brachen, Kränen und Provisorien. Wer die Transformation an den Originalschauplätzen nachvollziehen will, muss die Filme vor der Reise sehen und dann gezielt die Orte ablaufen. Jeder Film kartografiert einen anderen Berliner Zustand: die Ostalgie, den Techno-Rausch, den radikalen Stadtumbau.

Sonnenallee Film Berlin: Ostalgie Und Die Letzte Grenze

Leander Haußmanns Sonnenallee spielt in der DDR der späten 1970er Jahre. Gedreht wurde 1999 an der echten Sonnenallee in Neukölln, im Abschnitt zwischen S-Bahnhof Sonnenallee und Treptower Straße. Die berühmte Szene mit den Westpaketen entstand am ehemaligen Grenzübergang Sonnenallee.

Gedenkstätte Statt Grenzanlagen

Heute ist der Übergang eine Grünfläche mit Gedenkstätte. Keine Grenzanlagen, kein Kontrollpunkt. Ein ruhiger Park markiert die Nahtstelle, an der die Stadt zerschnitten war. Gehen Sie vom S-Bahnhof Sonnenallee zu Fuß zur Gedenkstätte. Der Weg dauert zehn Minuten.

Der Streit Um Die Verharmlosung

Der Film löste eine Kontroverse aus. Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley warf dem Regisseur vor, den DDR-Alltag zu verharmlosen. Das Publikum sah das anders. Aus heutiger Sicht ist Sonnenallee ein Dokument der Ostalgie, jener Sehnsucht, die das Berlin-Gefühl der 90er prägte.

Lola Rennt Drehorte Berlin: Eine Rasante Stadtkarte Der 90er

Tom Tykwers Lola rennt ist der Berlin-Film der 90er, der die Stadt am dynamischsten einfängt. Die Schauplätze bilden eine Topografie des Übergangs.

Die Brücke Und Die Bühnen

Die signifikanteste Szene spielt auf der Oberbaumbrücke. Das Backsteinbauwerk war 1998 noch ein Symbol der Wiedervereinigung. Heute ist es eine vielbefahrene Straßenverbindung. Weitere Schauplätze: die Deutsche Oper in Charlottenburg, Bismarckstraße 35, der Gendarmenmarkt in Mitte und die Alte Nationalgalerie auf der Museumsinsel.

Verschwundene Kulissen

Die verlorenen Orte sind die eigentlichen Zeugen. Der U-Bahnhof Französische Straße, in dem Lola die Bahn verpasst, wurde 2009 geschlossen und ging im U-Bahnhof Unter den Linden auf. Die Brache in der Cuvrystraße, über die Lola durch Bauschutt rennt, ist teilweise überbaut. Das Möbelhaus Spirale an der Kurfürstenstraße 23, das im Film als Kaufhaus diente, wurde abgerissen. Ein Neubau steht dort. Das Hotel Bogota in der Schlüterstraße 45, Mannis Vater wohnte dort, schloss 2013. Heute ist ein Ladengeschäft darin.

Die Tour Planen

Laufen Sie die Stationen nicht spontan ab. Die Distanzen zwischen Oberbaumbrücke, Gendarmenmarkt und Deutscher Oper werden massiv unterschätzt. Planen Sie einen halben Tag ein und laden Sie eine Offline-Karte mit den einzelnen Punkten. Ohne Karte verlieren Sie sich in der Stadt und finden die unsichtbaren Orte nicht.

Berlin Babylon Dokumentation: Der Stadtumbau Im Zeitraffer

Hubertus Siegerts Berlin Babylon (2001) ist die wichtigste Dokumentation über den städtebaulichen Umbau nach 1989. Kein Spielfilm. Eine architektonische Bestandsaufnahme. Die Kamera hält fest, was danach für immer verschwand.

Was Der Film Zeigt

Der Potsdamer Platz, von einer Brachfläche zur dichtesten Neubau-Architektur der Stadt. Das Regierungsviertel am Spreebogen. Der Lehrter Bahnhof, heute der Hauptbahnhof. Der Abriss des Palastes der Republik, der 2006 bis 2008 abgetragen wurde und dem Humboldt Forum wich. Die teilweise Einebnung des Marx-Engels-Forums. Der Abriss von Plattenbauten an der Fischerinsel.

Was Heute Begehbar Ist

Fast alle dokumentierten Orte sind zugänglich. Der Potsdamer Platz ist komplett bebaut. Das Regierungsviertel steht. Der Hauptbahnhof ist in Betrieb. Nur die Brache, die der Film zeigt, ist verschwunden. Sehen Sie die Dokumentation vor der Reise. Gehen Sie dann gezielt die Orte ab. Anders verstehen Sie das Ausmaß des Umbaus nicht.

Berliner Schule Film: Die Ästhetik Der Nachwendezeit

Der Begriff „Berliner Schule Film“ beschreibt eine Strömung der 1990er und 2000er Jahre: genaue Beobachtung des Alltags, dokumentarische Haltung. Die Stadt ist hier nicht Kulisse, sondern Subjekt. Berlin Babylon gehört in diese Tradition. Auch Good Bye, Lenin! (2003), gedreht an der Karl-Marx-Allee, am Alexanderplatz und in der Alfred-Döblin-Straße.

Die Kulissen Von Good Bye, Lenin!

Die Plattenbauwohnung der Familie Kerner steht in Friedrichshain. Die Fassade wurde inzwischen saniert. Das Kino International an der Karl-Marx-Allee 33, Schauplatz der DDR-Medienlandschaft, ist in Betrieb. Die Weltzeituhr auf dem Alexanderplatz steht noch. Der Palast der Republik, 2002 für Außenaufnahmen genutzt, existiert nicht mehr. Die Lenin-Statue am damaligen Leninplatz, heute Platz der Vereinten Nationen, wurde 1991 entfernt. Der Film ließ sie per Replik wiedererstehen. Besuchen Sie diese Orte. Sie zeigen, wie die Filmsprache der 90er die Brachen, Plattenbauten und Grenzübergänge einfing.

Drehorte Und Filmkulisse: Die Orte, Die Es Noch Gibt

Viele Schauplätze der 90er-Filme sind noch zugänglich. Aber verändert. Die Oberbaumbrücke ist der stabilste Ort. Sie sieht fast aus wie 1998. Der Spittelmarkt und der Gendarmenmarkt sind begehbar, aber sanierter als im Film. Die Alte Nationalgalerie zeigt noch dieselbe Fassade. Das Portal des ehemaligen Anhalter Bahnhofs am Askanischen Platz steht als Ruine da.

Was Verschwunden Ist

In der Behrenstraße 55-57 steht ein Neubau an der Stelle des 90er-Schauplatzes. Die Tauentzienstraße ist als Einkaufsstraße komplett neu geprägt. Rechnen Sie damit: Die Hälfte der Drehorte ist überbaut oder geschlossen.

Die Verlässlichen Relikte

Was bleibt, sind die Mauerreste. Die East Side Gallery an der Mühlenstraße, 1,3 Kilometer Mauerstück. Die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße. Der Mauerpark an der Eberswalder Straße, wo ein originaler Mauerabschnitt steht. Diese drei Orte sind die verlässlichsten Gegenstände der 90er-Filmkulisse. Beginnen Sie dort.

Techno Und Loveparade: Die Klänge Des Umbaus

Die 90er sind ohne die Technoszene nicht zu verstehen. Die Loveparade begann am 1. Juli 1989 auf dem Kurfürstendamm. 1999 erreichte sie ihren Teilnehmerrekord. Stationen der Parade waren die Straße des 17. Juni, wo 2006 die letzte Berliner Veranstaltung stattfand. Die Siegessäule war der Ort der ersten Afterparty.

Die Frühen Clubs

Der Tresor eröffnete 1991 im Tresorraum des ehemaligen Wertheim-Kaufhauses, Leipziger Straße 126. 2005 geschlossen, 2007 Neueröffnung im Kraftwerk. Das E-Werk in der Wilhelmstraße 43 lief von 1993 bis 1997. Der Bunker in der Albrechtstraße 24, 1992 bis 1996, beherbergt heute die Kunstsammlung Boros. Der Planet in der Köpenicker Straße 194, 1991 bis 1993, ist abgerissen. Der WMF in der Karl-Liebknecht-Straße 34, 1992 bis 2006, ebenfalls abgerissen. Diese Orte sind überwiegend verschwunden oder umgenutzt.

Was Blieb

Das RAW-Gelände in der Revaler Straße, einst besetzte Reichsbahnbrachen, ist als Kulturstandort erhalten. Buchen Sie eine Führung. Das Berghain trägt die 90er-Club-DNA weiter. Eine Besichtigung ist nicht möglich. Die Türpolitik ist ein Relikt der Szene. Akzeptieren Sie das und gehen Sie weiter.

Besetzte Häuser Und Brachen: Der Rohbau Der 90er

Die 90er waren eine Zeit der besetzten Häuser und wilden Brachen. Die Mainzer Straße 2-11 wurde 1990 geräumt. Neubauten stehen dort. Die Kastanienallee 85/86, einst besetzt, ist ein legalisiertes Hausprojekt. Die Rigaer Straße 94, die Brunnenstraße 183 und die Köpenicker Straße 137 sind ebenfalls legalisierte Projekte.

Die Brachen Als Bühne

Der Potsdamer Platz war von 1990 bis 1994 eine leere Fläche. Der Spreebogen von 1990 bis 1995 eine Brache. Heute steht dort das Regierungsviertel. Das Kunsthaus Tacheles in der Oranienburger Straße 54, von 1990 bis 2012 besetzt, wurde teilsaniert und beherbergt Fotografiska. Die Schultheiss-Brauerei an der Schönhauser Allee wurde zur Kulturbrauerei.

Der Häufigste Fehler

Besucher gehen zum Checkpoint Charlie und ins Mauermuseum und denken, sie hätten die Transformation der 90er verstanden. Der eigentliche Umbau fand kilometerweit entfernt statt. Auf leeren Brachen. In Hinterhöfen. In Friedrichshain, Kreuzberg und Treptow. Fahren Sie dorthin.

Oberbaumbrucke Berlin film
Muns , CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Der Umbau Der Mitte: Potsdamer Platz Und Pariser Platz

Der radikalste Umbau fand in der Mitte statt. Der Pariser Platz war in den 1990ern eine Brache. Heute ist er vollständig bebaut. Die Friedrichstraße wurde saniert und ist eine Einkaufsstraße. Die Museumsinsel erlebte ab den 1990ern den Beginn des Masterplans. Die Sanierung läuft bis heute. Der Hackesche Markt und die Rosenthaler Straße wurden in den 1990ern saniert. Sie sind touristische Zentren.

Der Prototyp Des Baubooms

Der Potsdamer Platz war der Ort der Infobox, die Besuchern den Baufortschritt zeigte. Heute ist er dicht bebaut. Der Bierpinsel in Steglitz, ein Pop-Art-Turm der 90er, steht noch. Wer diese Orte besucht, sieht gesichtslose Neubauten und Baustellen. Genau das, was die 90er dokumentierten. Der Unterschied: Die Brachen sind weg. Der Lärm der Kräne ist geblieben.

Drei Tage Mindestens

Planen Sie drei Tage ein. Weniger führt zu einem oberflächlichen Mauersegment und einem Clubfoto. Die beste Zeit für Spaziergänge entlang der ehemaligen Grenzstreifen ist Mai bis September. Meiden Sie die ITB-Messe im März. Die Hotelpreise explodieren. Meiden Sie den 1. Mai in Kreuzberg. Der Krawalltourismus überlagert die historische Perspektive. Meiden Sie den November. Trübes Wetter macht die Brachflächen-Romantik schwer lesbar.

Drehorte Der 90er-Filme: Status Und Erreichbarkeit
FilmDrehortStatus 2026Zugang
Lola renntOberbaumbrücke, Friedrichshain-KreuzbergErhalten, stark befahrenFrei zugänglich
Lola renntU-Bahnhof Französische Straße, MitteGeschlossen 2009Nicht zugänglich
Lola renntCuvrystraße, KreuzbergTeilweise überbautFrei zugänglich
Lola renntHotel Bogota, Schlüterstraße 45Geschlossen 2013Ladengeschäft, kein Hotelzugang
Lola renntMöbelhaus Spirale, Kurfürstenstraße 23AbgerissenNeubau, kein Zugang
SonnenalleeSonnenallee, NeuköllnErhalten, bewohntFrei zugänglich
SonnenalleeGrenzübergang SonnenalleeGrünflächeFrei zugänglich, Gedenkstätte
Berlin BabylonPotsdamer PlatzKomplett bebautFrei zugänglich
Berlin BabylonPalast der RepublikAbriss 2008Humboldt Forum, Baustelle
Good Bye, Lenin!Karl-Marx-Allee, FriedrichshainSaniert, bewohntFrei zugänglich
Good Bye, Lenin!Kino International, Karl-Marx-Allee 33In BetriebKinobesuch möglich

Praktische Anreise Und Fortbewegung

Flughafen Berlin Brandenburg (BER). Nehmen Sie die S-Bahn S9 oder S45 oder den Regionalexpress. Sie sind in 30 bis 40 Minuten im Zentrum. Der Einzelfahrschein im ABC-Bereich kostet etwa 4,40 Euro. Entwerten Sie die BVG-Fahrkarte vor Fahrtantritt. Der häufigste Stolperstein: Touristen verwechseln den Entwerter-Stempel mit einem Kaufbeleg und fahren mit einem ungestempelten Ticket.

Fortbewegung Im Kiez

S- und U-Bahn sind das Rückgrat. Für Touren zu den Drehorten brauchen Sie eine Offline-Karte mit historischen Overlays. Viele 90er-Orte sind komplett verschwunden und nur per App oder Führung lesbar. Das Mobilfunknetz ist flächendeckend gut. In Clubs herrscht striktes Fotoverbot. Kameralinsen werden abgeklebt. Respektieren Sie das.

Essen Und Trinken: Die 90er-Jahre-Küche

Die Schnellimbiss-Ost-Kultur mit Bouletten und Soljanka ist ein Relikt der Übergangszeit. Der Döner Kebab in Kreuzberg war das Boomgericht der 90er. Clubgastronomie wie die Eisbar und Bananen im Berghain sind noch aktiv. Improvisierte Biergärten auf Brachen, der Holzmarkt am Spreeufer etwa, bestehen fort. Die Spätkauf-Bierkultur ist ein Erbe der illegalen 90er-Trinkorte. Suchen Sie diese Küche in Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln. Nicht in Mitte. Dort finden Sie sie nicht.