Die DJ-Legenden der 90er in Berlin: Dr. Motte, Westbam, Tanith, Marusha und Paul van Dyk und ihre Orte
Dr. Motte, Westbam, Tanith, Marusha und Paul van Dyk: Fünf DJs, die den Techno der 90er in Berlin erfanden – und die Orte, an denen sie Geschichte schrieben.
Die DJ-Legenden Der 90er in Berlin: Dr. Motte, Westbam, Tanith, Marusha Und Paul Van Dyk
Die Clubs, Bunker und Brachflächen, auf denen Dr. Motte, Westbam, Tanith, Marusha und Paul van Dyk aufgelegt haben, sind heute zugebaut, saniert oder verschwunden. Sie finden statt der Original-Orte einen Neubau, eine Baustelle oder eine Gedenktafel. Die fünf DJs haben den Techno-Sound der Nachwendezeit an konkreten Adressen gespielt, die sich bis 2026 radikal verändert haben. Nachfolgend die Stationen jedes einzelnen, die Adresse damals und was heute dort steht.
Dr. Motte: Loveparade Gruender Und Seine Orte
Matthias Roeingh, geboren 1960, startete am 1. Juli 1989 mit etwa 150 Teilnehmern die erste Loveparade auf der Straße des 17. Juni. Die Idee: eine Demonstration für Frieden und Techno. 1999 zog der Zug bereits 1,5 Millionen Menschen an. Bis 2006 blieb die Loveparade in Berlin, danach wechselte sie nach Duisburg, wo am 24. Juli 2010 das Unglück geschah. Dr. Mottes öffentlich bekannte Spielorte waren die Loveparade-Route selbst und die anschließende Afterparty an der Säule am Brandenburger Tor. Dort, zwischen Tiergarten und Brandenburger Tor, versammelten sich die Raver nach dem Zug zum Tekknozid. 2026 ist die Säule ein stark frequentierter Touristenort. Die Afterparty findet dort nicht mehr statt. Dr. Motte selbst ist 2026 als DJ, Produzent und Labelbetreiber (Praxisdienst) aktiv. Seine aktuellen Auftrittsdaten veröffentlicht er auf seiner eigenen Website.
Was Heute An Der Adresse Der Loveparade Ist
Die Straße des 17. Juni zwischen Großem Stern und Brandenburger Tor ist eine vierspurige Hauptstraße im Tiergarten. Kein Hinweis auf die Loveparade, keine Gedenktafel. Die Säule selbst ist ein denkmalgeschütztes Bauwerk, aber ohne Bezug zur Technokultur. Wer die Atmosphäre der 90er sucht, findet sie hier nicht mehr. Der Ort ist Teil des touristischen Regierungsviertels und wird von Reisebussen und Fahrradverleihern dominiert.
Westbam: Mayday Berlin Und Das Low Spirit Erbe
Maximilian Lenz, geboren 1965, gründete 1985 das Label Low Spirit in Berlin. Das Label prägte mit Westbam, Marusha und den Members of Mayday den Sound des Jahrzehnts. Westbams zentraler Ort war die Mayday, die ab 1991 in der Halle Münsterland stattfand und im Jahr 2000 ins CineStar am Potsdamer Platz zog. Die Mayday war ein Großrave. Westbam legte dort regelmäßig als Headliner auf. Sein prägender Club war das Planet, ein Technoclub in der Köpenicker Straße, der von 1991 bis 1993 existierte. Das Planet war einer der ersten Clubs, die Techno als eigenständige Kultur etablierten. 2026 ist die Halle Münsterland ein Veranstaltungsort für Messen und Konzerte. Das Planet ist vollständig verschwunden. An seiner Stelle in der Köpenicker Straße 50 steht ein Bürogebäude. Westbam ist 2026 als DJ, Autor und Veranstalter tätig. Seine Tourdaten und aktuellen Projekte veröffentlicht er auf seiner Website.
Was Heute An Der Adresse Des Planet Ist
Die Köpenicker Straße 50 in Berlin Mitte ist ein unscheinbarer Neubau. Kein Club, kein Hinweis auf Techno. Die Straße selbst ist Teil des sogenannten Medienviertels, umgeben von gläsernen Fassaden. Wer die Mayday-Rufe nach Westbam sucht, muss in die Archive von YouTube oder in die 2021 erschienene Autobiografie des DJs schauen.
Tanith: Berlin Techno Pionierin Und Der Bunker Albrechtstrasse
Thomas Andrezak, geboren 1962, spielte unter dem Namen Tanith Gabber und Hardcore Techno. Sein prägender Club war der Bunker in der Albrechtstraße 24 in Berlin Mitte. Der Bunker, ein ehemaliger Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, wurde von 1992 bis 1996 als Technoclub betrieben. Tanith legte dort regelmäßig auf. Der Club war bekannt für seine extrem laute Beschallung und die rohe Betonarchitektur. Hier fand Gabber in Berlin eine Heimat. 2026 steht der Bunker Albrechtstraße 24 noch, aber als privates Wohn- und Gewerbeobjekt. Der Club ist seit 1996 geschlossen. Das Gebäude wurde 2008 saniert und enthält Wohnungen und Büros. Kein Clubbetrieb, keine öffentliche Besichtigung. Tanith selbst ist 2026 als DJ, Labelbetreiber und Organisator der Fuckparade tätig. Die genauen Auftrittsdaten sind über seine Labelseite abrufbar.
Marusha: Rave Satellite Berlin Und Der Sound Der 90er
Marion Gleiß, geboren 1966, war die bekannteste weibliche DJ der Berliner Technoszene. Ihr größter Hit war 1994 Somewhere Over the Rainbow. Sie moderierte von 1993 bis 1994 die Sendung Feuerreiter auf RTL 2, die Jugendliche an Techno heranführte. Ihre prägenden Spielorte waren der E W Club in der Wilhelmstraße 43 und der Tresor in der Leipziger Straße. Das E Werk, ein umgebautes Umspannwerk, diente von 1993 bis 1997 als Technoclub. Marusha legte dort regelmäßig auf. Der Tresor, eröffnet 1991, war der berühmteste Technoclub der frühen 90er. 2026 ist das E Werk (Wilhelmstraße 43) ein Veranstaltungsort für Kunst und Events; der Clubbetrieb endete 1997. Die Adresse ist ein moderner Bürokomplex. Der Tresor existiert in der alten Form nicht mehr. 2026 ist der Name Tresor in der Köpenicker Straße 70 wieder aktiv, aber nicht am Originalort. Marusha ist 2026 als DJ und Moderatorin beim RBB Radioeins tätig. Ihre Radiosendung und DJ-Termine sind auf der Radioeins Website einsehbar.
Paul Van Dyk: E Werk Berlin Und Der Internationale Durchbruch
Matthias Paul, geboren 1971, wurde unter dem Namen Paul van Dyk zum internationalen Star. Sein prägender Club war das E Werk in der Wilhelmstraße 43 in Berlin Mitte. Das umgebaute Umspannwerk bot von 1993 bis 1997 Techno und Trance eine Bühne. Paul van Dyk legte dort als Resident auf und erlangte internationale Bekanntheit. Sein Album Seven Ways erschien 1996 und markierte den Durchbruch. 2026 ist das E Werk in der Wilhelmstraße 43 ein Büro- und Veranstaltungskomplex, kein Club mehr. Paul van Dyk ist 2026 als DJ, Produzent und Labelbetreiber von Vandit Records tätig. Seine Tourdaten veröffentlicht er auf seiner eigenen Website.
Weitere Orte Der 90er: Eine Spurensuche Auf Dem RAW Gelaende Und Am Potsdamer Platz
Neben den Clubs der fünf DJs gibt es Orte, die den Sound der 90er trugen. Das RAW Gelände in Friedrichshain war ein besetztes Reichsbahngelände, auf dem wilde Partys und illegale Raves stattfanden. 2026 ist das RAW Gelände ein Kulturstandort mit Clubs, Ateliers und Gastronomie, aber kein originaler 90er Ort mehr. Die Brachen sind bebaut, die Atmosphäre ist kommerziell. Der Potsdamer Platz war in den 90ern der Prototyp des Neubau-Booms. Auf der Baustelle stand von 1993 bis 1995 die Infobox, ein Aussichtspunkt auf die Verwandlung. 2026 ist der Potsdamer Platz ein dicht bebautes Geschäftsviertel. Der S-Bahn-Ring war das Rückgrat der Clubfahrten zwischen den verstreuten Locations. Heute fahren Touristen mit der S-Bahn zu Berghain und Tresor, aber die Strecken sind dieselben. Die Easyjet-Raver, die ab 2000 die Clubszene veränderten, sind ein Phänomen der frühen 2000er, nicht der 90er.
So Lesen Sie Die Transformation
Suchen Sie die Brachen zwischen den Neubauten. Besuchen Sie nicht nur den Checkpoint Charlie und denken Sie, Sie hätten die Transformation verstanden. Der eigentliche Umbau fand auf den leeren Flächen im Osten Berlins statt, die 2026 zugebaute Straßenzüge sind.
Praktische Hinweise Fuer Die Spurensuche
Planen Sie mindestens drei Tage ein. Ohne diese Zeit bleibt es bei einem oberflächlichen Mauersegment und einem Clubfoto. Die Distanzen zwischen den verstreuten Relikten werden massiv unterschätzt. Vom Bunker Albrechtstraße bis zum E Werk in der Wilhelmstraße sind es etwa drei Kilometer, die Sie zu Fuß oder mit der U-Bahn zurücklegen. Von dort zum RAW Gelände sind es weitere vier Kilometer. Der Potsdamer Platz liegt zwei Kilometer vom Brandenburger Tor entfernt. Setzen Sie pro Tag nicht mehr als drei bis vier Stationen an.
Beste Reisezeit Und Anreise
Reisen Sie zwischen Mai und September. Dann haben Sie angenehmes Wetter für lange Spaziergänge entlang ehemaliger Grenzstreifen und Open-Air-Partys. Im November ist das Wetter trüb und macht die Brachflächen-Romantik schwer lesbar. Meiden Sie die ITB-Messe im März, wenn die Hotelpreise extrem hoch sind, und den 1. Mai, wenn der Krawalltourismus in Kreuzberg die historische Perspektive überlagert. Die Anreise erfolgt über den Flughafen Berlin Brandenburg (BER). Nehmen Sie die S-Bahn (S9 oder S45) oder den Regionalexpress. Sie sind in 30 bis 40 Minuten im Zentrum. Ein Einzelfahrschein für den ABC-Bereich kostet 4,40 Euro. Entwerten Sie die BVG-Fahrkarte vor Fahrtantritt. Ein häufiger Stolperstein: Touristen verwechseln den Entwerter-Stempel mit einem Kaufbeleg und fahren mit ungestempeltem Ticket.
Was Sie Nicht Verpassen Sollten
Die East Side Gallery ist ein bemalter Mauerabschnitt, aber kein 90er-Clubort. Der Mauerpark mit seinem Flohmarkt ist ein weiteres 90er-Relikt, aber als sozialer Ort, nicht als Club. Der Teufelsberg, eine ehemalige Abhörstation auf einem Trümmerberg, ist eine 30-minütige Fahrt ab S-Bahn Heerstraße. Der Spreepark, ein verlassener DDR-Vergnügungspark, ist 30 Minuten ab S-Bahn Treptower Park entfernt und nur mit Vorausbuchung einer Führung zugänglich. Das Berghain ist der Nachfolgebau des Ostgut und trägt die 90er-Club-DNA in sich, aber es ist keine Besichtigung. Die Türpolitik ist ein Relikt der 90er-Szene und für Unvorbereitete unüberwindbar.
| DJ | Bürgerlicher Name | Prägender Club oder Ort | Adresse | Betriebszeitraum | Status 2026 |
|---|---|---|---|---|---|
| Dr. Motte | Matthias Roeingh | Loveparade Route / Säule Brandenburger Tor | Straße des 17. Juni | 1989–2006 | Hauptstraße / Touristenort |
| Westbam | Maximilian Lenz | Planet / Mayday | Köpenicker Str. 50 / Halle Münsterland | 1991–1993 / 1991–2005 | Bürogebäude / Veranstaltungsort |
| Tanith | Thomas Andrezak | Bunker Albrechtstraße | Albrechtstr. 24, Berlin Mitte | 1992–1996 | Privat, kein Club |
| Marusha | Marion Gleiß | E Werk / Tresor | Wilhelmstr. 43 / Leipziger Str. | 1993–1997 / 1991–2005 | Bürokomplex / Name an anderer Adresse |
| Paul van Dyk | Matthias Paul | E Werk | Wilhelmstr. 43 | 1993–1997 | Bürokomplex |
Fuer Wen Diese Spurensuche Geeignet Ist Und Fuer Wen Nicht
Diese Tour ist für Geschichtsinteressierte der Nachwendezeit, Nostalgiker der Techno- und Clubkultur, Urban-Exploration-Fans auf den Spuren von Brachen, Architekturinteressierte des Stadtumbaus und Besucher mit Faible für subkulturelle Nischen gemacht. Nicht geeignet ist sie für Besucher, die ein homogenes, hübsches Altstadtbild suchen. Wer die 90er-Jahre-Ästhetik nicht aktiv lesen kann, sieht nur gesichtslose Neubauten und Baustellen. Die Clubs sind verschwunden. Was bleibt, sind Adressen, die nur mit Hintergrundwissen sprechen.
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