Die Mainzer Straße in Berlin und was nach der Räumung der besetzten Häuser kam
Die Mainzer Straße in Friedrichshain war das Symbol der Ostberliner Hausbesetzungen – nach der Räumung 1990 verschwanden die Spuren fast vollständig.
Die Räumung Der Mainzer Straße 1990: Das Ende Einer Ära
Der größte Polizeieinsatz in Berlin seit Ende des Zweiten Weltkriegs fand vom 12. bis 14. November 1990 statt. Rund 3.000 Polizisten und Bundesgrenzschutzbeamte räumten die besetzten Häuser in der Mainzer Straße. 420 Menschen wurden festgenommen. Diese Räumung markiert den Wendepunkt der Hausbesetzerbewegung im Osten der Stadt. Nach dieser Aktion setzte der Senat die Berliner Linie konsequent durch: Keine Duldung neuer Besetzungen, sofortige Räumung. Die Zeit der wilden Zwischennutzung war vorbei.
Hausbesetzungen Berlin 90er: Die Welle Nach Dem Mauerfall
Bis Mitte 1990 gab es im Ostteil Berlins rund 130 besetzte Häuser. Die Mainzer Straße hatte die höchste Konzentration. Nach dem Mauerfall waren ganze Altbauten im Samariterviertel und entlang der Kastanienallee und Schönhauser Allee im Nordosten des Bezirks leer gezogen oder von den neuen Eigentümern dem Verfall preisgegeben. Die Sanierungswelle der 90er Jahre begann erst später. Zuerst kamen die Besetzer. Sie sicherten die Bausubstanz durch Instandbesetzung: Sie reparierten Dächer, legten Leitungen frei und schufen Wohnraum in Gebäuden, die sonst abgerissen worden wären. Die Besetzerbewegung war keine einheitliche Ideologie. In der Mainzer Straße lebten Studenten, Künstler und Leute, die in der DDR keine Wohnung bekommen hatten. Der Kiez war ein Flickenteppich aus Provokation, Baustelle und Euphorie, nüchterner als der Ruf verspricht.
Die Berliner Linie und ihre Durchsetzung
Die Berliner Linie stammte aus dem Mai 1981. Sie sah vor: keine Duldung neuer Besetzungen, aber Verhandlungsangebote für bestehende Fälle mit Legalisierungsperspektive. Nach dem Mauerfall galt sie zunächst nicht für den Ostteil. Das änderte sich mit der Räumung der Mainzer Straße. Ab November 1990 wurde jedes neu besetzte Haus sofort geräumt. Bis Ende 1990 legalisierte der Senat etwa 40 besetzte Projekte in Ost-Berlin. Bis etwa 1995 folgten rund 60 bis 70 weitere Legalisierungen. Die genauen Zahlen veröffentlicht das Berliner Landesdenkmalamt in unregelmäßigen Abständen.
Mainzer Straße Friedrichshain: Was Heute Dort Steht
Von den besetzten Häusern der Mainzer Straße steht heute nichts mehr. Die Adressen existieren nicht. Auf dem Gelände zwischen Mainzer Straße und dem Samariterviertel entstanden in den 2000er Jahren Neubauten und sanierte Altbauten. Gehen Sie die Mainzer Straße heute entlang. Die Brachfläche ist verschwunden. Keine unrenovierte Fassade, keine Besetzerspuren. Die Sanierungswelle hat diesen Streifen komplett erfasst. Der einzige Hinweis auf die Geschichte ist das Straßenschild selbst. Wer die Besetzerzeit verstehen will, muss in andere Straßen gehen.
Besetzerbewegung Berlin: Heute Noch Sichtbare Spuren
Drei besetzte Projekte aus der Zeit nach der Wende existieren noch. Sie zeigen, wie unterschiedlich die Legalisierung ausfiel.
Rigaer Straße 94: Besetzt, nicht legalisiert
Das Hausprojekt Rigaer94 in der Rigaer Straße ist bis heute besetzt. Es gehört der GEWOBAG. Eine Legalisierung gibt es nicht. 2016 räumte die Polizei Keller und Seitenflügel. Der Rechtsstatus 2026 ist umstritten. Die Eigentümerin veröffentlicht keine aktuellen Angaben zum Verfahren. Die Fassade zeigt unrenovierte Bausubstanz, die den Zustand der 90er Jahre konserviert. Merken Sie sich: Das Haus ist kein Museum. Es ist ein bewohntes Projekt mit hohem Konfliktpotenzial. Fotografieren Sie nicht vor der Tür. Es wird als Provokation aufgefasst.
Köpi 137: Besetzt mit Nutzungsvertrag
Die Köpenicker Straße 137 / Wrangelstraße, genannt Köpi137, in Berlin-Mitte ist besetzt und hat seit 2001 einen Nutzungsvertrag. Das Gelände umfasst etwa 2.000 Quadratmeter. Hier gibt es Veranstaltungen, Ateliers und eine Kiezbar. Die unrenovierten Fassaden und die Hofbrachen sind Originalzustand. Wer die Atmosphäre der Hausbesetzer Ostberlins erleben will, kommt hier hin. Der Eintritt zu Veranstaltungen kostet meist unter 10 Euro. Bargeld ist Pficht.
Schokoladen e.V.: Legalisiert mit Mietvertrag
Der Schokoladen e.V. in der Ackerstraße 169 / Torstraße in Berlin-Mitte ist seit 1994 legalisiert. Der Mietvertrag läuft über einen gemeinnützigen Verein. Das Haus wird als Veranstaltungsort, Kiezbar und Atelier genutzt. Die Sanierung erolgte durch den Verein selbst. Die Fassade ist saniert, der Innenhof zeigt noch Spuren der Zwischennutzung der 90er Jahre.
Unrenovierte Fassaden Im Samariterviertel Und Prenzlauer Berg
Nicht jedes besetzte Haus wurde geräumt oder legalisiert. Viele Altbauten im Samariterviertel und entlang der Kastanienallee und Schö nhauser Allee in Prenzlauer Berg stehen noch heute unrenoviert. Die Sanierungswelle der späten 90er und frühen 2000er Jahre hat ganze Straßenzüge erfasst, aber einzelne Häuser sind übrig geblieben. Konkrete Adressen: In der Liebigstraße nahe der Rig aer Straße stehen mehre re unrenovierte Fassaden aus der Besetzerzeit. In der Dunckerstraße in Prenzlauer Berg finden sich vereinzelte unsanierte Altbauten. Der Zustand ist Baujahr 1900 plus 30 Jahre Leerstand: Risse, abblätternder Putz, verwilderte Innenhöfe. Diese Häuser sind keine Denkmäler der Besetzerbewegung. Sie sind schlicht nicht saniert worden, weil die Investoren auf Rendite warteten oder die Eigentumsverhältnisse ungeklärt waren.
Prenzlauer Berg: Besetzte Altbauten Und Die Späte Sanierungswelle
Prenzlauer Berg war neben Friedrichshain das Zentrum der Ostberliner Hausbesetzungen. Die Kastanienallee und die Schö nhauser Allee waren Hauptachsen. Hier wurden Altbauten instand besetzt, die in der DDR vernachlässigt worden waren. Die späte Sanierungswelle setzte hier erst Mitte der 90er Jahre ein. Heute ist Prenzlauer Berg weitgehend saniert. Die Mieten sind hoch. Wer Spuren der Besetzerzeit sucht, findet sie in den Hinterhöfen der Kastanienallee. Dort halten sich Zwischennutzungen wie Fahrradwerkstätten, Ateliers und kleine Clubs. Die Fassaden zur Straße sind saniert, die Höfe sind oft noch Brachfläche. Gehen Sie in die Höfe der Häuser Kastanienallee 12 und 14. Dort gibt es unverputzte Backsteinwände und wild bewachsene Flächen, die an die Zeit vor der Sanierung erinnern.
Praktische Tipps Für Die Spurensuche
Die Besetzerorte verteilen sich dezentral. Ein häufiger Fehler ist zu glauben, alles läge kompakt in Berlin-Mitte. Sie brauchen mindestens drei Tage: einen Tag für das Samariterviertel und die Mainzer Straße, einen Tag für Prenzlauer Berg mit Kastanienallee und Schö nhauser Allee, einen Abend für die verbliebenen Projekte wie Köpi137 oder Schokoladen. Die Anreise vom Flughafen Berlin Brandenburg (BER) dauert mit der S-Bahn S9 oder S45 zum Alexanderplatz rund 35 Minuten, Einzelfahrschein etwa 4,00 Euro. Die VBB-Umweltkarte Zone AB kostet 2024 rund 9,50 Euro pro Tag. Bezahlen Sie in den Projekten und Spätis bar. Kartenterminals fehlen oft. Die S- und U-Bahn-Taktung im Osten ist ab 1 Uhr nachts stark ausgedünnt. Planen Sie Rückwege mit Bus oder Taxi ein. Die Distanz zwischen Mainzer Straße, Rig aer Straße und Köpi beträgt jeweils 20 bis 30 Minuten Fußweg oder 10 Minuten mit der U-Bahn. Festes Schuhwerk ist Pficht: Die Höfe und Brachen haben unebenen Boden.
| Projekt | Adresse | Rechtsstatus 2026 | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| Rigaer94 | Rig aer Straße, Friedrichshain | Besetzt, nicht legalisiert, Eigentümerin GEWOBAG | Teilräumung 2016, unrenovierte Fassade, kein Besucherverkehr |
| Köpi137 | Köpenicker Straße 137 / Wrangelstraße, Mitte | Besetzt, Nutzungsvertrag seit 2001 | 2.000 m² Fläche, Veranstaltungen, Ateliers, Kiezbar, Bargeld nötig |
| Schokoladen e.V. | Ackerstraße 169 / Torstraße, Mitte | Legalisiert, Mietvertrag seit 1994 | Veranstaltungsort, Kiezbar, Ateliers, Hof mit Zwischennutzungsspuren |
Rückkauf Und Investoren: Was Aus Den Brachen Wurde
Nach der Räumung der Mainzer Straße und der Durchsetzung der Berliner Linie kaufte die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft viele der besetzten Häuser zurück. Der Rückkauf durch Investoren begann in den 2000er Jahren. Im Samariterviertel und in Prenzlauer Berg entstanden aus den Brachflächen sanierte Altbauten und Neubauten. Die Sanierungswelle ließ kaum eine unrenovierte Fassade übrig. Gehen Sie heute durch die Mainzer Straße. Sie sehen keinen Unterschied zu anderen sanierten Straßen in Friedrichshain. Die Besetzerbewegung Berlin hat ihre Spuren in den erhlatenen Projekten hinterlassen, nicht in den Straßen selbst.
Polizeieinsatz Und Die Folgen Für Den Kiez
Der Polizeieinsatz in der Mainzer Straße im November 1990 war der größte in Berlin seit dem Zweiten Weltkrieg. Rund 3.000 Polizisten und Bundesgrenzschutz räumten die Häuser. Die Festnahmen von etwa 420 Menschen zeigten die Härte des Vorgehens. Für den Kiez Friedrichshain bedeutete dies das Ende der wilden Besetzerzeit. Die Zwischennutzung und Instandbesetzung wichen der Sanierungswelle. Der Polizeieinsatz wurde zum Symbol für die Durchsetzung der Berliner Linie im Osten Berlins. Keine neue Besetzung wurde danach geduldet.
Für Wen Das Thema Besetzte Häuser in Berlin Geeignet Ist
Das Thema Besetzte Häuser in Berlin, insbesondere die Geschichte der Mainzer Straße, ist für Geschichts-Tracer geeignet, die Mauerreste lesen können und verstehen wollen, wie aus der Narbe Stadt wurde. Nachtschwärmer auf Spurensuche der frühen Techno-Geburt werden hier fündig, ebenso Urban-Exploration-Enthusiasten mit Gespür für Zwischennutzungen und verschwundene Brachen. Nostalgiker der 90er-Jahre-Ästhetik und Architekturbegeisterte, die den Umbau der Mitte als Großexperiment lesen wollen, finden in den erhaltenen Projekten konkrete Anschauungsobjekte. Nicht geeignet ist das Thema für Reisende, die ein flanierfreundliches, fertiges und harmonisches Stadtbild suchen. Wer saubere Barockfassaden will, wird in den unrenovierten Ecken von Friedrichshain und Prenzlauer Berg unglücklich. Besucher mit wenig Geduld für Industriecharme, weite Wege und fragmentierte Erinnerungsorte sollten sich auf die sanierten Hauptstraßen beschränken.
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